Lang war die Wartezeit nach Bleed American und umso höher sind die Erwartungen, die an dieses Album geknüpft waren. Doch die Angst, dass sich JEW nach der Trennung vom langjährigen Produzenten Trombino und ihren Ankündigungen, "darker" zu werden, von ihrem alten melodisch-elegischen Sound verabschieden würden, waren unbegründet. Statt dessen haben sie zum vierten Mal in Folge ein wirklich umwerfendes Album hingelegt, das sich stilistisch von den vier anderen Masterlabelalben unterscheidet. Nicht so catchy wie Bleed American, nicht so ruhig wie Clarity und nicht so brachial wie Static Prevails, aber dennoch eindrucksvoll Jimmy Eat World. Zu den Songs im Einzelnen:
Futures, der Opener. Nicht gerade mein Lieblingsstück auf der Platte, aber sehr kraftvoll. Die Stelle, an der Jim Adkins "My Darling!" schreit, erinnert an frühere Zeiten... Über die Referenz an die Präsidentenwahl ("I hope for better november") kann man streiten, ich mag sie lieber unpolitisch.
Just tonight: Starker Refrain, aber die gewohnte Melodiösität fehlt diesem Lied aus meiner Sicht etwas. Leute, die "Bleed American" mochten, werden hier auf ihre Kosten kommen.
Work: Jaa, ab hier geht es richtig los. Klingen die ersten paar Töne noch etwas nach Blink, geht es ab dem ersten gesungenen Ton auf in eine extrem melodische, gefühlvolle und optimistische Hymne. Soll glaub ich zweite Single werden, eine gute Wahl!
Kill: War schon vor etwa einem Jahr auf Konzerten zu hören und hat mir damals alle Zweifel über die Qualität des kommenden Albums genommen. Eine JEW-typische und wunderschöne Ballade.
The World you Love: Lied fünf und mir gehen schon die Adjektive und Superlative aus. Auch ganz stark, beim ersten Hören erinnerte es mich stimmungsmäßig etwas an "If you don't"...
Jen: Es muss ja auch schlechtere Lieder geben. Ziemlich eingängig, ungewöhnt fröhlich, passt aber nicht in den Ablauf des Albums. Und das Wort "Jen" kommt zu oft in dem Lied vor. Angeblich wird es aus benannten Gründen auch noch von der endgültigen Version des Albums gestrichen..
Pain: Erste Single. Sehr kraftvoll und dynamisch, ich freue mich schon, das Lied auf den Tanzflächen zu hören. Allerdings habe ich bei den schnellen Songs nach "Static Prevails" immer das Gefühl, dass Jimmy Eat World ihre großen Stärken nicht ausspielen können.
Drugs or Me: Jetzt folgt das, was JEW am besten können - eine langsame, getragene Ballade. Wieder ein Höhepunkt.
Polaris: Unfassbar schönes Lied, entwickelt eine sehr starke Dynamik nach verhaltenem Beginn. Wer nicht so genau weiß, was Emo eigentlich ist, soll sich den Song anhören..
Nothing Wrong: Vor dem großen Finale lärmen Jimmy Eat World hier noch einmal ein härteres Stück. Sicherlich wird hier auf den Konzerten wieder die Hölle los sein, aber es gilt ähnliches wie bei Pain.
Night Drive: Dieses Lied hat mich wirklich überrascht. SO zuckersüß habe ich Jimmy Eat World noch nicht erlebt. Der geniale Refrain eliminiert aber sämtlichen Kitschverdacht. Vielleicht brauche ich noch etwas, um das Lied auch RICHTIG gut finden zu können.
23: Wem all diese Knaller noch nicht gereicht haben, der wird spätestens jetzt überzeugt. Dieses Lied ist das absolut schönste, was ich seit "Just watch the Fireworks" überhaupt je gehört habe. Die Leichtigkeit von "Night Drive" ist mit dem ersten Ton wie weggeblasen, es kommt die gewisse Schwere und Tragik auf, die ich an dieser Band so liebe. Dazu schaffen sie es wieder einmal meisterhaft, einen ungeheuren Spannungsbogen zu erzeugen, der sich durch das Lied zieht. Man hat das Gefühl, dass jeder einzelne Ton genau da sitzt, wo er sitzen muss, jedes Wort durchdacht ist.
Ich bin zutiefst begeistert von diesem Lied und von dem Album. An meinen All-Time-Favourite Clarity wird es vermutlich nicht herankommen, aber das muss es auch nicht. Es ist ein Album von meiner Lieblingsband - ein verdammt gutes.