Colin Laney mag auf den ersten Blick vielleicht keinen besonderen Eindruck hinterlassen; er ist schwer krank, häufige Fieberkrämpfe schütteln seinen Körper und seine Behausung ist sicherlich auch kein Anlaß zu Begeisterungsstürmen; er lebt in einem Pappkarton auf dem Flughafen in Tokio. Aber wie so oft sollte man sich von seinem ersten Eindruck nicht täuschen lassen; Laney ist ein Netzläufer und verfügt über eine seltene Gabe - er kann Knotenpunkte in den weltweiten Datenströmen entdecken. Diese Knotenpunkte deuten sich immer dann an, wenn die menschliche Gesellschaft sich fundamental verändert. Wir alle erinnern uns ja noch an den letzten Knotenpunkt 1911. Ihr erinnert euch nicht? Kann schon sein, denn so ein Knotenpunkt muß nicht unbedingt etwas revolutionäres, offensichtliches sein, er kann ganz unauffällig daher kommen und seine Auswirkungen sind wahrscheinlich eher subtil. Auch Laney weiß nur, daß einer kommen wird - wann genau, woran man ihn erkennt oder in welche Richtung die Menschheit sich dann weiterentwickelt, all diese Fragen kann auch er nicht beantworten. Was er aber weiß, ist daß der nächste Knotenpunkt irgendetwas mit San Francisco zu tun hat, deshalb schickt er seinen alten Freund Barry Rydell auf die Suche nach einem mysteriösen Killer, der vor allem durch seine Abwesenheit im Netz auffällt. Was hat das alles mit dem Machtstreben des Milliadärs Cody Harwood zu tun? Lest es selbst.
Futurematic ist kein schlechtes Buch. Es greift die Figuren der beiden vorangegangenen Romane Idoru und Virtual Light auf, kann aber eigenständig gelesen werden. Die drei werden gelegentlich als Trilogie bezeichnet, aber das ist Unsinn.
Stilitisch erkennt man Gibson sofort wieder, die kurzen Kapitel zappen zwischen den Erzählkanälen hin und her, das Technikgebabbel ist an der Grenze des Unverständlichen und in bester David Lynch Tradition garantiert der Anfang eines Erzählstranges keineswegs, daß er an irgendeiner Stelle auch beendet wird. Auffällig ist die Farblosigkeit der Geschichte. Gibson verwendet keine Adjektive, die die Farbe
von was auch immer beschreiben, das erste schwarz-weiß Buch der Welt, als würde man einen alten Film sehen.
Ich weiß, daß ich mit dem nächsten Absatz Drohbriefe riskiere, aber ich bin ein sehr zwiespältiger Gibson Fan. Auf der einen Seite steht die Unfähigkeit dieses Mannes, einen einzigen klar formulierten Satz herauszubringen, die unendliche Aneinanderreihung technischer Fachbegriffe, die es nicht gibt und die im Grunde relativ langweiligen Hauptfiguren. Auf der anderen Seite ist Gibson eindeutig ein Visionär. Ich brauche niemandem erzählen, daß er den Cyberpunk erfunden hat und auch bei der Lektüre von Virtual Light, Idoru oder Futurematic denkt man: Verdammt! Es könnte wirklich so kommen.
Kommt es vielleicht auch. Und dann ist es besser ihn gelesen zu haben und vorbereitet zu sein.
Das Ende der Geschichte ist eindeutig eine Enttäuschung oder es geht noch weiter, aber das bezweifle ich.
Dennoch ist das Fazit positiv, Gibson ragt einsam aus der SF Literatur, wie Moorcock aus der Fantasy, auch wenn beide eher zweit - oder drittranginge Schriftsteller sind, kann die Kraft ihrer Vision immer wieder überzeugen.