...Weezle und ich gingen in dieser Zeit viel spazieren. Dabei entspannte ich mich, es war Frühling und alles fing an zu blühen. Da wir nun fast den ganzen Tag unterwegs waren, lernten wir Hunde und Hundebesitzer kennen, die wir bisher nie getroffen hatten. Dadurch hörte ich neue Geschichten, die mich abgelenkten.
Während eines Ganges im Stadtwald bemerkte ich einen Mann, der ohne Hund durch den Wald marschierte. Wenn ich in einsamen Gegenden Menschen ohne Hund treffe, die nicht joggen oder radfahren, werde ich automatisch mißtrauisch. Im Zweifelsfalle würde die wenig furchterregende Erscheinung einer Cairn Terrier Hündin niemanden abhalten, der Böses im Sinn hat. In den Situationen des mulmigen Gefühls, und wirklich nur dann, wünsche ich mir einen anderen Hund. Groß mit großen Zähnen, oder wenigstens furchterregend ausschauend. Weezle und ich gingen die große Runde und der Mann hielt sich immer in gleichem Abstand hinter uns. Wenn ich mich flüchtig umdrehte, um aus dem Augenwinkeln festzustellen, ob er noch da war, bemerkte ich, daß er sich in alle Richtungen umschaute. Wahrscheinlich wollte er sichergehen, daß keine anderen Menschen in der Nähe waren. Leider traf man am frühen Mittag gewöhnlich kaum jemanden auf dieser Strecke. Ich wurde immer nervöser, der Parkplatz war noch ein gutes Stück entfernt. Gleich würde eine kleine Lichtung kommen und ich beschloß, vom Weg herunter auf die Wiese abzubiegen und den Mann an mir vorbei gehen zu lassen. Wenn er denn hoffentlich vorbei ginge.
Weezle merkte mir meine Nervosität an und schaute immer wieder hoch. Auf der Wiese suchte ich ein paar Stöckchen, um sie ihr zu werfen. Unauffällig versuchte ich festzustellen, ob der Mann vorbeiging. Plötzlich stand er hinter mir. Mir wurde flau im Magen. Ich hatte einen größeren Stock in der Hand und umklammerte ihn ganz fest, für alle Fälle.
"Entschuldigen Sie bitte, haben Sie einen Owtscharka gesehen?"
"Was?" Ich schaute ihn an, er hatte eine Leine um den Hals hängen und sah besorgt aus. Ein Hundebesitzer, nur zeitweilig und unfreiwillig ohne Hund, ich war erleichtert und mußte kichern. Er schaute mich fragend an, wahrscheinlich gab ich einen leicht irren Eindruck ab.
"Mein Hund ist mir abgehauen. Jetzt suche ich schon fast eine Stunde. Haben Sie ihn vielleicht irgendwo gesehen?"
"Tut mir leid, ich bin aus Richtung Waldbeerenstraße unterwegs und habe keinen alleine laufenden Hund gesehen." Ich fühlte mich immer noch erleichtert, daß nicht mehr los war, vielleicht sollte ich nicht so viele Krimis anschauen. "Was ist das für ein Hund?" Ich hatte vorhin nicht richtig zugehört.
"Ein Owtscharka," oh Gott, riesengroß und mit wenig Sinn für Humor, aber der Mann würde gleich bestimmt sagen, daß ich mir keine Sorgen machen müßte, wenn ich ihn treffe, "fassen Sie ihn auf keinen Fall an und starren Sie ihn möglichst auch nicht an, sondern sagen Sie bitte im Forsthaus Bescheid. Der Förster ist auf dem laufenden. Es kann gut sein, daß er Ihnen folgt, er ist ganz verrückt mit kleinen, netten Hündinnen." Er streichelte Weezle. "Ich muß jetzt weiter."
Ich stand dort wie zur Salzsäule erstarrt und fühlte das Blut in meinem verletzten Arm pochen. Das waren ja klasse Aussichten. Haben Sie schon einmal versucht, etwas, vor dem Sie Angst haben, nicht anzustarren? Weezle wirkte praktisch wie ein Köder. So als ob man mit einem Beutel blutiger Fische versucht, unbemerkt am weißen Hai vorbeizukommen. Was sollte ich tun? Ich hatte das Gefühl, ganz dringend auf die Toilette zu müssen. Meine Hände zitterten und ich fühlte kalten Schweiß. Mein Auto stand noch etwa eine Viertelstunde Fußweg entfernt. Ich mußte so schnell wie möglich dahin und ging so schnell, wie ich konnte. Zu rennen traute ich mich auch nicht, das würde erst recht seine Aufmerksamkeit auf mich ziehen, wenn er mich beobachtete, und das tat er, ich war mir da ganz sicher. Weezle verstand nicht, warum ich keine Stöckchen mehr warf und mich nicht mehr besonders um sie kümmerte. Jedesmal, wenn sie zum Schnuppern stehenblieb, trieb ich sie zur Eile an. Ich schwor mir immer wieder, wenn ich aus der Nummer heile rauskäme, würde ich mich nie, wirklich nie wieder über Leute lustig machen, die vor irgend etwas Angst hatten. Wie überheblich und ekelhaft ich manchmal war, wenn Menschen vor meiner kleinen Weezle Angst hatten. Innerlich leistete ich Abbitte. Bisher hatte ich diese Form der Panik noch nie erlebt.
Kurz vor dem Parkplatz sah ich ihn. Er stand unbeweglich im Unterholz und starrte mich an. Gleich würde er sich auf mich stürzen, wie Fiete es getan hat. Wäre ich sportlicher veranlagt, wäre der nächste Baumwipfel mein gewesen. So mußte ich versuchen, dort vorbeizukommen.
Der Förster kam aus Richtung Parkplatz auf mich zu. Zum erstenmal war ich erfreut, ihn zu sehen. Normalerweise sind Hundebesitzer und Förster nicht die besten Freunde.
"Da links ist er!" Auf die Kiekser in meiner Stimme wäre Michael Jackson neidisch gewesen.
"Bitte?"
"Nicht so hinschauen! Der Hund, der vermißt wird. Sie wüßten Bescheid. Da ist er!"
"Der ist doch schon längst am Forsthaus im Zwinger, ich habe dort eine läufige Drahthaarhündin, die hat ihn wohl magisch angezogen. Ich versuche gerade, den Besitzer zu erreichen."
Jedesmal, auch heute noch, wenn ich an dem alten, knorrigen Baumstumpf im Unterholz vorbeikomme, starrt dieser mich bösartig an, ich schwöre es. Gut, daß es für diese Begebenheit keine weiteren Zeugen gab...