Ich weiß ja nicht, wie es dir geht. Aber immer wenn ich ein neues Heft der 11Freunde am Kiosk meines Vertrauens erstehe, gilt der erste bange Blick der Klärung der Frage: Sind wieder Fotos von Fans und Stadien in aller Herren Länder dabei? Ja, ich bin einer dieser Nerds, die sich minutenlang Bilder von gefüllten Fankurven anschauen und dann versuchen, in den Gesichtern der Menschen das Ergebnis und die Bedeutung des jeweiligen Spiels abzulesen. Manchmal bilde ich mir dann ein, genau zu erkennen, dass es sich um ein bedeutsames Derby handelt und die Fans gerade nach einem 0:1-Rückstand wieder Hoffnung auf einen baldigen Ausgleich geschöpft haben. Reines Kopfkino, ohne jeden Beleg. Aber schön ist es dennoch. Wobei wir dann auch direkt beim Thema sind. Denn „schön“ ist vielleicht das treffendste Fazit, das ich nach der Lektüre des neuen Buches „Fußball-Wunder-Bauten“ aus dem Callwey-Verlag ziehen kann. Ein Bilderbuch für Fußballnerds, in gewisser Weise eine nie endende 11Freunde-Fotostrecke. Das ist übrigens kein Zufall, sind doch gleich zwei der drei Autoren Mitglieder der Redaktion.
Andreas Bock und Benjamin Kuhlhoff kennt man als regelmäßiger 11Freunde-Leser. Alexander Gutzmer, der dritte im Bunde, kommt aus einer anderen Richtung. Er ist Chefredakteur der Architektur-Zeitschrift „Baumeister“. Und diese drei maßen sich also an, die schönsten Fußballstadien der Welt zu küren und trauen sich sogar eine Einstufung in „Champions League“, „Erste Liga“ und „Überraschungserfolge“ zu? Ganz genau! Das Überraschende ist: Es gelingt ihnen sogar, auch weil Gutzmer im Vorwort keinen Hehl daraus macht, dass eine derartige Bewertung nur rein subjektiv erfolgen kann.
"Haben Sie das auch schon einmal beobachtet? Kurz vor einem Fußballspiel gehen die Menschen rund ums Stadion immer etwas schneller als sonst. Offensichtlich hochelektrisierte Fußballfans umkreisen erwartungsvoll die steinernen Fußballkäfige. Und zwar nicht, weil sie sonst zu spät zu ihren Plätzen kämen. Es ist nicht die Hast, die die Fans treibt. Sondern ein eigentümlicher Energieschub, der sie vor dem Spiel durchströmt – und der offensichtlich vom Genius Loci ausgeht. Von dieser Ansammlung aus Beton, Stahl, Glas und Rasen, das ihnen in den nächsten zwei Stunden ein ultraemotionalisierendes Spektakel vorführen wird. Vom Stadion."
Diese einleitenden Worte von Alexander Gutzmer stehen sinnbildlich dafür, wie ich die „Fußball-Wunder-Bauten“ angegangen bin. Zunächst gemächlich, mit Muße. Erst einmal einen groben Überblick verschaffend. 19 Stadien werden vorgestellt. Aha. Die meisten in Europa, einige in Mittel- und Südamerika. Nicht wirklich originell. Einzig das Azadi-Stadion von Teheran ist ein echter Exot. Oho! Doch dann war es um die selbst auferlegte Muße auch schon geschehen. Wie ein Fan auf dem Weg zum Stadion blätterte ich immer schneller und unersättlicher durch die nicht ganz 200 großformatigen Seiten des Buches, das zu drei Vierteln aus Fotografien besteht. Vor und zurück, hin und her. Ohne Konzept, einfach nur auf der gierigen Suche nach Impressionen und auf Fotos gebannte Emotionen. Und immer fündig! Kunststück. Der fotografische Teil der „Fußball-Wunder-Bauten“ ist herausragend gut, was auch nicht überrascht, da ein voll besetztes Stadion an jeder Ecke Bildmotive bietet.
Aber wie stellt man Stadien textlich vor? Klar, man nennt Eckdaten wie das Jahr der Erbauung und die Zuschauerkapazität. Aber sonst? Hier überrascht das Buch mit einem herrlich uneinheitlichen Aufbau. Mal geht es wirklich nur um das Stadion und seine Architektur. Mal steht die Geschichte, die sich rund um die Lebenszeit des Stadions abspielte, im Vordergrund. Mal sind es einfach nur zusammengetragene Anekdoten und Fakten, die man so nicht auf dem Schirm hatte. Und ganz oft sind es Interviews mit Personen, die einen Teil ihres Lebens mit dem Stadion, für das sie im Buch die Patenschaft übernommen haben, teilen. Das klingt ein wenig wie aus der Not geboren, ist es vielleicht sogar, macht aber auch den textlichen Teil der „Fußball-Wunder-Bauten“ nahezu uneingeschränkt zu einem kurzweiligen Spaß.
Im Falle der Veltins-Arena auf Schalke entschied sich Benjamin Kuhlhoff zum Beispiel für einen kleinen Ritt durch die letzten 25 Jahre Vereinsgeschichte und berichtet von Günter Eichbergs wilden Stadionphantasien ebenso wie von Rudi Assauers Kaffeefahrt mit einigen Tausend Fans zum „Gelredom“ in Arnheim. Beim Text zum Maracanã in Rio den Janeiro thematisiert Andreas Bock hingegen kaum das Stadion selbst, sondern porträtiert den Journalisten und Namensgeber Mario Filho, der in den 1920er und 1930er-Jahren maßgeblich dafür sorgte, dass Brasilien sich überhaupt in den nüchternen, sehr englischen Sport verliebte. Und im Kapitel über die Allianz-Arena philosophiert Alexander Gutzmer – für meinen Geschmack leider ein wenig zu theoretisch – unter anderem darüber, ob das Schlauchboot vielleicht gerade deshalb das „ultimative Stadion“ ist, weil es völlig losgelöst von städtebaulichen Zwängen auf einer ehemaligen Mülldeponie im Niemandsland des Münchener Nordens stehen darf.
„Fußball-Wunder-Bauten“ hat mich positiv überrascht. Hatte ich ein arg dröges Foto/Text-Machwerk mit architektonischen Belehrungen befürchtet, erreichte mich in der Tat ein Werk, das ich sofort in mein Herz schließen konnte und auf dessen zweiten Teil – der zwangläufig irgendwann folgen muss (!) – ich bereits jetzt sehnsüchtig warte. Mit knapp 40 Euro ist das Buch sicherlich kein Schnäppchen und jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er den Gegenwert einer guten Sitzplatzkarte für in zwei Buchdeckel gepackten Fußballnerd-Stoff investieren möchte. Wer es jedoch in der anstehenden Jahresendzeit-Geschenkesaison einem fußballinteressierten Freund überreichen wird, der kann sich eines warmen Dankes sicher sein.