Eichhörnchen mit Auberginen
David Sedaris' Erstling «Fuselfieber»
Nick Papanides, der Saukerl, hat den Schwarzweissfernseher mitlaufen lassen, als er endlich aus dem Kellerloch ausgezogen ist, das Dales Mutter vermietet. Jetzt muss saubergemacht werden. Im Tiefkühlfach liegt noch ein in Zeitungspapier gewickeltes, platt getretenes Eichhörnchen. Nick hat die von der Katze angeschleppten Tiere immer gern mit Auberginen gekocht. Der Olympier! «Griechen sind Juden ohne Geld», sagt die biestige Mutter verächtlich. Sie hat etwas gegen Juden, seit sie weiss, dass ihr bei einem lächerlichen Autounfall ums Leben gekommener Mann es auch mit Sandy Ableman getrieben hat, einer ehemaligen besten Freundin. Sie würde ihn ganz gern exhumieren lassen, um ihn in Ruhe anzuspucken. In seiner Hinterlassenschaft hat sie ein mit Bärenwitzbildchen geschmücktes Notizheft gefunden, in dem er über sein Sexualleben Buch geführt hat. Sie selbst kommt nicht vor. Dass das Kürzel W. S. Vermerk «blond (heute) Mannomann» Weibchens Schwester und also die bierselige Margery meint, kriegt sie allerdings nicht heraus; ihr folgsamer Sohn belästigt deshalb am Telefon eine unschuldige Frau. Dale selbst weiss zwar Bescheid, weil er die beiden einmal ertappt hat («Oh, Jesus», haben alle gesagt), verrät aber nichts. Die Lage ist, wie meist bei Sedaris, hoffnungslos, aber nicht ernst. «Wir kommen zurecht» lauten Titel und Fazit des zitierten Textes.
Neu, wie der Klappentext behauptet, sind die auf Englisch unter dem Titel «Barrel Fever» erschienenen 16 Erzählungen zwar keineswegs. Vielmehr handelt es sich um den 1994 erschienenen Erstling des amerikanischen Autors, der hierzulande 1999 mit dem autobiographischen Band «Nackt» Furore gemacht hat. Neu ist nur die Übersetzung, und auch sie nicht ganz: Zwei längere Erzählungen, rund 80 Seiten Text, sind bereits in «Holiday On Ice» enthalten. Waren sie in jener recht heterogenen Gabentisch-Kompilation die stärksten Texte, so sind sie hier die schwächsten: rhapsodische Humoresken, deren eine die Abenteuer eines professionellen Weihnachtszwergs im Kaufhaus Macy's schildert, während die andere in Form eines Weihnachts-Rundbriefs eine abstruse Familiengeschichte aufrollt.
«Die WeihnachtsLand-Tagebücher», eine typische Odd-Job-Story, gleichen erzähltechnisch der FKK-Geschichte aus «Nackt»: Sie sind scharf beobachtet, lustig und ein bisschen länglich. Die übrigen Texte des in der Tat fulminanten Erstlings sind wesentlich dichter, nicht zuletzt, weil sie sich nicht so offensichtlich bemühen, witzig zu sein. Sie spielen im gleichen Milieu wie «Nackt» und erzählen mit unbewegter Miene vom täglichen Wahnsinn. Man muss dauernd lachen, obwohl man es eigentlich nicht dürfte: nicht über diese Unverschämtheiten jenseits aller Correctness. Hier bestimmt indes nicht der böse Blick des heranwachsenden Aussenseiters allein die Erzählperspektive. Virtuos setzt Sedaris die Stilmittel der Rollenprosa ein, so dass der Leser auch hinter die Figuren sieht. Im Tagebuch einer Literaturstudentin, die als einzige Person auf der Welt den Schriftsteller Malison zu verstehen glaubt («Die Dichterlesung»), liest man nur zwischen den Zeilen, wie einseitig und hoffnungslos die Beziehung der Diaristin zu ihrem Idol ist. In «Glens Homophobie-Infobrief. Dritter Jahrgang, zweite Lieferung» wird man unverhofft zum Empfänger eines rührend komischen «Verständigungstextes», in «Mein Vermächtnis» gerät man in den Strudel der postumen Rachsucht einer gekränkten Frau.
Sedaris' Welt ist schrill und schräg, seine Prosa ist lakonisch und genau solange er nicht der Versuchung erliegt, die Pointen zu überziehen. Literarischen Vorbildern jagt er nicht nach, referenzielle Pirouetten scheinen ihm nichts zu bedeuten. Er ist ein sensibler Beobachter, der sich mit Zynismen und drastischen Aperçus panzert. Nie aber ist sein Humor süffisant oder hämisch. Deshalb wirkt er befreiend. Der Erzähler schreibt sich selbst dem absurden Gewimmel, in dem es zu überleben gilt, ein. Alles Ungewöhnliche, Abseitige, Verdrehte interessiert ihn also alles: Denn wo er hinsieht, gibt es nichts Gewöhnliches. Mit «Fuselfieber» und «Nackt» hat Sedaris einen eigenwilligen, in Episoden aufgefächerten Entwicklungsroman geschrieben. Man fragt sich gespannt, wie es von hier aus weitergehen kann: Autoren von Rang stehen ja immer am Ende eines Weges.
Manfred Papst
Pressenotiz zu : Neue Zürcher Zeitung, 12.09.2000
Die Behauptung des Verlages, dies seien neue Erzählungen des mit dem autobiografischen Werk "Nackt" bekannt gewordenen Autors, ist eine bewusste Täuschung, moniert der Rezensent Manfred Papst. Vielmehr sei dies Sedaris` Erstling - und zwar ein "fulminanter". Das Milieu ähnle stark dem aus "Nackt" bekannten, die Erzählperspektiven aber, so Papst, sind hier raffinierter, insbesondere im Einsatz von" Rollenprosa". Der Wildheit des Beobachteten stehe die Sensibilität des Beobachters gegenüber. Und dieser wiederum die absolute politische Inkorrektheit der Beobachtungen, die dazu führt, dass man, der Rezensent wenigstens, "dauernd lachen" muss, "obwohl man eigentlich nicht dürfte".
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