Wieder sind die Chieftains auf Entdeckungsreise der etwas anderen Art, und ihre Instrumente haben sie zum Glück gleich mitgenommen. Die Musik haben sie vermutlich eh im Kopf... Ihre erste (?) Forschungsreise Richtung Nashville "Down the Old Plank Road -- The Nashville Sessions" setzen sie fort, und auch wenn sie sich diesmal bereits etwas auskennen, verfallen sie nicht in Routine, im Gegenteil!
Die Reise hat sich wieder mal gelohnt, denn diesmal zeigen gestandene Größen aus "Old Country" und Verwandten, dass sie die irischen Wurzeln ihrer Musik kennen; im einzelnen outen sich diesmal als verkappte Iren: Nickel Creek, John Hiatt, Allison Moorer, Tim O'Brien, John Prine, Jerry Douglas, Emmylou Harris, John Ely, Don Williams, Chet Atkins, Carlene Carter, The Nitty Gritty Dirt Band, Patty Loveless, Doc Watson, Ricky Skaggs und Rosanne Cash.
Wie immer, wenn die Chieftains zur Session laden, klingt das Ergebnis phänomenal; da lässt sich keiner lumpen.
"Further Down the Old Plank Road" ist musikalisch weniger deutlich geprägt von der amerikanischen Folk-Tradition als die Vorgänger-CD; das Repertoire entstammt zwar vorwiegend den amerikanischen Folk- und Bluegrass-Traditionen, auch Spirituals sind an Bord (zunächst erkennt man die jedoch nur am Titel). Aber wenn man diese CD hört, vermutet man sogar gestandene Baptisten-Spirituals mitten im windgefegten irischen Westen. Der Chieftains-Chief Paddy Moloney hat auch beim Arrangieren wieder mal ganze Arbeit geleistet.
Im Booklet liest man dann erstaunt, woher der Wind den Chieftains manche Songs zugeweht hat: Von den Hillbillie-Appalachen herunter natürlich, aber auch aus der Tin Pan Alley, aus Chicagos Einwanderervierteln um 1900, aus Neufundland... Und alles lässt sich à la Irlandaise zelebrieren, ohne dass darunter die vielen markanten Ecken und Kanten gelitten hätten: "The Lily of the West" ebenso wie "The Moonshiner/I'm a Rambler", und noch andere mehr. Wie man sogar aus einem frommen Choral einen fidel grantelnden Folksong machen kann, zeigen dann John Hiatt und die Chieftains mit "Jordan Is a Hard Road to Travel".
Ergänzt wird das alles von eigenwilligen irischen Traditionals, mal quietschfidel, mal melancholisch: z.B. von dem Medley "Rosc Catha Na Mumhain/Arkansas Traveller/The Wild Irishman" oder "Wild Mountain Thyme" in Don Williams' Version. Kein unmusikalischer Seegang sabotiert diese transatlantischen Session; es passt einfach alles zusammen, und man käme aus dem Enthusiasmus nimmer heraus, finge man detaillierter an mit der Schilderung.
Also nur ein paar Stichproben; wer zufällig nicht erwähnt wird, musiziert auf genauso hohem Niveau wie die genannten: Zusammen mit Ricky Skaggs machen die Chieftains aus dem Spiritual "Talk about Suffering/Man of the House" eine irische Ballade; die Gitarren-Zampanos Doc Watson ("Fisherman's Hornpipe/The Devil's Dream") und Chet Atkins ("Chief O'Neil's Hornpipe") beweisen zum x-ten Mal ihrer jeweiligen Karrieren, was sich mit einer Gitarre alles anstellen lässt. Allein diese beiden Herren hätten schon die CD gerechtfertigt.
"Hick's Farewell" aus den Südstaaten wird in Allison Moorers Interpretation zur ergreifenden, schnörkellosen Ballade jenseits aller Zeitrechnungen. "The Raggle Taggle Gypsy" wirbelt in einer Chieftains/Nickel Creek-Koporoduktion alles durcheinander (und Sara Watkins kann singen!).
Dann wären zu nennen die Stimmgewaltigen; egal, ob sie glasklare Balladen singen, sparsam von den Chieftains akzentuiert, oder ob sie losfegen wie eine ländliche Hochzeitsgesellschaft: Don Williams, Carlene Carter, Allison Moorer, Patty Loveless, Joe Ely, Sara Watkins, Emmylou Harris, und Rosanne Cash singt ein furioses Schlusswort...
Am besten überlässt man die nähere Prüfung dem eigenen Gehör. Wer "Down the Old Plank Road" kennt, kann unbesorgt nochmal zugreifen, und für alle anderen gilt: Wer irischen Folk jenseits des immerfröhlichen Humtata und schmalztriefenden ätherisch sein Sollenden liebt, kommt hier auf seine Kosten.