Aus der Amazon.de-Redaktion
Das völlig ruinierte agrarische Afghanistan ist für Slavoj Zizek, den umtriebigen Philosophen, Psychoanalytiker und Kulturkritiker aus Slowenien, "lediglich die radikalisierte und brutalisierte Version des aus Singapur und anderen Tigerstaaten bekannten Modells: Kapitalismus mit asiatischen Werten". Wer hier stutzt und Schwierigkeiten hat dem wilden Denker zu folgen, der sollte sein neuestes Buch
Die Furcht vor echten Tränen. Krysztof Kieslowski und die "Nahtstelle" tunlichst meiden. Wer sich freilich den Höllentrip zutraut, in dem Zizek seine Analysen ebenso provokant und schräg am Offensichtlichen vorbei betreibt, der ist für den 350 Seiten starken Band gewappnet.
Wie immer schaltet Zizek frei assoziierend zwischen Religion, Philosophie, der psychoanalytischen Begriffswelt Jacques Lacans und der Fantasmagorieproduktion des Kinos hin und her. "Was also ist die Naht?", fragt er, um zu fortzufahren: "Lassen Sie mich mit Ernesto Laclaus Konzept der Hegemonie beginnen." Doch das hat nun mit der Naht direkt nichts zu tun. So wenig wie Afghanistan mit Singapur etwas zu tun hat, das eine sich aber durch das andere beispielhaft erklären soll. Es wundert also nicht, wenn im Weiteren Krysztof Kieslowskis filmisches Oeuvre durch das von Hans Jürgen Syberberg erklärt wird, und dieses wiederum nicht ohne einen Rekurs auf Arbeiten von Veit Harlan verständlich ist, die wiederum der Erklärung durch Orson Welles bedürfen, usw.
Den polnischen Regisseur, Autor und Filmemacher des zehnteiligen Dekalogs und der Farben-Trilogie, dem Zizeks Untersuchung gilt, unter der Masse des in Anschlag gebrachten Materials und dem Wust der angeführten Theorien zu entdecken, bleibt also eine eigene Kunst des Lesers. Trotzdem lassen sich wie immer bei Zizek neue, verblüffende und tatsächlich interessante Lesarten von Filmen und Theorien finden. Die echten Tränen jedenfalls stammen -- falls sie nicht der Leser ob der ständigen ad infinitum führenden Beweiszirkel vergießt -- unter anderem von Ilsa Lund alias Ingrid Bergmann in Casablanca. --Brigitte Werneburg
Kurzbeschreibung
Kompromisslos wie kein anderer zeitgenössischer Denker behandelt Slavoj Z?iz?ek aktuelle Themen unter ethischen und politischen Aspekten. Dem Film als modernstem und massenwirksamstem Medium gilt dabei sein besonderes Interesse, im vorliegenden Buch vor allem dem polnischen Regisseur Krzysztof Kieslowski, der zahlreiche Bewunderer wie erbitterte Gegner hat, die in ihm einen religiösen »Neo-Obskurantisten« sehen. Z?iz?ek gelangt zu überraschenden Einsichten in das Verhältnis zwischen Wirklichkeit und Erfindung, zwischen Form und Inhalt, und selbst die vieldiskutierte Entschlüsselung des menschlichen Genoms gerät in ein neues Licht. Gibt es einen »Masterplan« für das Universum und unsere Existenz, oder ist die Welt Produkt und Spielball blinder Zufälle?
Um Antworten zu finden, schlägt Z?iz?ek dort Brücken, wo andere Abgründe sehen. So entdeckt er Gemeinsamkeiten zwischen Patricia Highsmiths Mr. Ripley und Michael Kohlhaas, und die berühmte Leerstelle in Heinrich von Kleists Marquise von O... tritt plötzlich zu einer Szene aus Casablanca in Beziehung.