Einfach klasse, wie Bentley Little seine Geschichte erzählt: Barry und Maureen ziehen in eine "geschlossene Wohnanlage". So etwas gibt es nur in den USA. Man kann sich das in etwa wie eine selbstverwaltete - d. h. nach außen hin autonome - Kleinstadt aus lauter Einfamilienhäusern vorstellen. Anstelle der in der gesamten übrigen Nation gültigen Gesetze gilt hier die Satzung des Vereins der Hauseigentümer. Barry und Maureen müssen nun feststellen, dass sie ständig gegen irgendwelche Bestimmungen dieser Satzung verstoßen, z.B. indem sie Musik lauter als auf Zimmerlautstärke hören - was in den eigenen vier Wänden ja eigentlich kein Problem sein sollte, da man ja niemanden stören kann. Während der Konflikt mit dem Eigentümerverein immer intensiver wird, sehen die beiden auch, dass fast keiner der anderen Eigentümer den Mut hat, sich dem Verein zu widersetzen, was dazu führt, dass auch sie einer direkten Konfrontation aus dem Weg gehen.
Diese Beschreibung von stillhaltendem Mitläufertum stimmt freilich gerade auch den hiesigen Leser mit Blick auf die deutsche Geschichte nachdenklich. Immer wieder denkt man: Warum lassen sie sich das gefallen und gehen nicht dagegen an? - Doch wenn man sich in die Situation der Hausbesitzer hineinversetzt, wird ihr Verhalten durchaus nachvollziehbar: Denn letztlich können sie einfach nicht glauben, dass der Verein sich um die eigentlichen Gesetze und Rechte, die ja sonst im Lande gelten, ÜBERHAUPT nicht schert. Sie sind einfach nicht in der Lage, die Skrupellosigkeit des Vereins zu erkennen und ernst zu nehmen. Und weil man ohnehin genug damit zu tun hat, sein eigenes Alltags- und Berufsleben zu bewältigen, ist es allemal leichter, sich anzupassen.
Somit wirft der Roman noch eine weitere Frage auf. Denn verantwortlich für das Verhalten des Vereins ist letztlich nicht nur der Verein selbst, sondern auch die Gesellschaft, die ihm die Freiheit dazu gibt.
Der Autor provoziert damit die Frage nach dem angemessenen Verständnis von Toleranz in der Demokratie: Wie tolerant darf eine freiheitliche und pluralistische Gesellschaft sein gegenüber Gemeinschaften, die sich ihre eigenen Regeln machen - und sich dabei auch in Widerspruch zu den grundlegendsten Werten begeben? Führt ein Zuviel an Toleranz letztlich nicht zu Rechtsbruch? Gerade in den USA ist diese Frage durchaus bedeutsam, insbesondere auch im Hinblick auf religiöse Gruppierungen (Scientology). In diser Hinsicht hat Little's Geschichte denn auch eine Nähe zu Graham Mastertons Horror-Satire "Das Ritual".
Besondere Erwähnung verdient noch die Darstellungsweise von Bentley Little: Das Erzähltempo geht geradlinig voran, überaus detaillierte Schilderungen der Gefühle und Gedanken der Akteure bleiben weitgehend aus. So kommt nie Langeweile auf; erstaunlich ist aber, dass der Leser trotz dieses Tempos auch selbst emotional in die Geschichte eingebunden wird und mitfühlt ("Was würde ich jetzt tun?").
Eigentlich ist dieses Buch ein klarer Fall für 5 Sterne - wenn da nicht die letzten 20 Seiten wären, die den Leser völlig unerwartet und in totalem Kontrast zu dem bisherigen hohen Thrillerniveau mit fantasieloser low-level Fantasy überschütten, in der letztlich alles möglich ist und nachvollziehbare, zusammenhängende Erklärungen nicht mehr gebraucht werden.