Formal ist dem Buch nichts vorzuwerfen. Es hat ein sehr schönes Umschlagbild, ist gut gegliedert, recht unterhaltsam und interessant geschrieben und bietet Geschichten, die eine gute Beobachtungsgabe sowie einen Hang zum Detail aufweisen. Die Autorin beschreibt die Problematik aus den verschiedensten Blickwinkeln und versucht so gut wie alle Aspekte des Themas mit unterzubringen. Auf den ersten Blick vermittelt sie den Eindruck von Objektivität und journalistischer Neutralität. Doch bei genauerem Hinsehen wird sie diesem Anspruch letztendlich nicht ansatzweise gerecht. Spätestens in der Mitte des Buches kippt das Thema ins Unseriöse ab.
Um selbst nicht als parteiisch angesehen zu werden, wendet Soliman einen raffinierten Schachzug an. Sie schiebt Psychologen und andere "Fachleute" vor, die sich in zumeist unsachlich diffamierender und abwertender Weise über die Abbrecher auslassen. (Die Verlassenen kommen in diesen Bewertungen eher glimpflich davon.)
Nun kann man über den Wert psychologische Analysen sicherlich unterschiedlicher Meinung sein. Wenn ein Psychologe dem zu Analysierenden persönlich gegenübersitzt, seine Mimik und Körpersprache, seine Ausdrucksweise und sein Verhalten direkt beobachtet und daraus dann Persönlichkeitsmuster über diesen entwirft, dann mag dies durchaus seine Berechtigung haben. Wenn aber wie in dem Buch geschehen die gekränkten und verletzten Verlassenen Soliman ihre Sicht der Dinge schildern und die Persönlichkeit des Abbrechers beschreiben, Soliman diese subjektiven Schilderungen an die diversen Psychologen zur Begutachtung weiterreicht, dann ist es mehr als illegitim, dass diese Psychologen/Therapeuten daraus dann seelische Krankheitsbilder über die Abbrecher zu entwerfen suchen. Soliman hatte nur in 2 der 7 dargestellten Fälle einen persönlichen Kontakt zu den Abbrechern. Viele ihrer Informationen sind der Hören-Sagen-Kategorie zuzuordnen.
Anhand der fragwürdigen Berichte von den Verlassenen seitenlange negative Psychogramme über die Abbrecher zu entwickeln, mitsamt Persönlichkeitsstörungen und einer Flut angeblicher seelischer Krankheiten, hat mit seriöser Psychologie nicht das Geringste zu tun. An vielen Stellen denkt man, jetzt ist den Psychologen aber ganz schön der Gaul ihrer überschäumenden Phantasie durchgegangen.
Die Informationen, die über die Beziehungsverhältnisse vorliegen, lassen eher vermuten, dass die Verlassenen an der radikalen Trennung die Haupt-Verantwortung (Schuld) tragen, dass sie diejenigen sind, die entwicklungsgestört sind und weitaus mehr seelische Probleme mit sich herumtragen als es die Abbrecher tun.
Das Buch befriedigt zu einem großen Teil das Rachebedürfnis derjenigen, die verlassen worden sind. Die Abbrecher werden in einem dermaßen minderwertigen, abschätzigen und krankhaften Licht hingestellt, dass alle Verlassenen frohlocken und eine tiefe Befriedung beim Lesen des Buches empfinden werden. Sie werden innerlich jubilieren: Siehste, hättest Du mich nicht verlassen, dann bräuchtest Du Dich jetzt nicht mit einer Flut abwertender Diagnosen und negativer Persönlichkeitsprofile überschütten zu lassen.
Das Buch arbeitet mit der so genannten Double-Bind-Methode. Oberflächlich betrachtet wirkt es neutral, objektiv und voller gutem Willen. Aber quasi durch die Hintertüre wird man sehr suggestiv in die Richtung manipuliert, Beziehungs-Abbrecher für schwer gestörte und krankhaft abnormale Menschen zu halten - obwohl diese Sichtweise jeglicher Grundlage entbehrt. Die unfundierten Kausalketten, die Soliman schmiedet und die recht fragwürdigen FERN-Diagnosen der zumeist erzreaktionären Psychologen lassen jedwede Seriosität vermissen und sind vor allem alles andere als nachvollziehbar.
Welche Wirkung das Buch erzielt, lässt sich anschaulich an der bestbewertetsten Positiv-Rezension ablesen. Helga König fokussiert sich in ihrem Text einzig auf die von den Psycho-Fachleuten entworfenen Negativ-Charakterisierungen: Abbrecher sind grundsätzlich als schizoid, schwächlich, aggressiv, ärmlich, narzisstisch, manisch-depressiv oder sonst irgendwie persönlichkeitsgestört einzustufen. Hier wird deutlich, welche einseitige Wirkung das Buch zu erzielen vermag, trotz seiner neutral und objektiv erscheinenden Aufmachung.
Tina Soliman's Platz bei diesem schwierigen Thema bleibt unklar. Anscheinend scheint sie Bindungsstrukturen innerhalb von Abhängigkeiten, Co-Abhängigkeiten und Symbiosen als etwas Unantastbares und Heiliges anzusehen. Sie kann nicht verstehen, wie eine Welt aussehen könnte, in der der Einzelne erwachsen werdend seine Nabelschnur durchtrennt, sich ablöst und auf eigenen Füßen stehend selbst darüber entscheidet, welche Beziehungen ihm gut tun und welche nicht.
Was dem Buch fehlt ist die Sprache des Herzens. Hier wird vielmehr eine rückständige und angestaubte Moralität propagiert; dass Menschen sich gefälligst dem Wohle der Gemeinschaft unterzuordnen und kein Recht auf ein eigenes Leben hätten. Solimans einziger Lösungsansatz zu dem Problem ist, dass die Abbrecher nach der eingelegten Funkstille irgendwann wieder in den alten Sumpf zurückkehren sollen. Das Leiden" der Verlassenen steht bei ihr im Mittelpunkt, In ihrem kaputten und destruktiven Lebenssystemen unfähig geblieben, Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen, drängen die Verlassenen den Abbrecher dazu, wieder den alten Platz im Kaputten System einzunehmen, nämlich den als Müllabladeplatz. Er soll die LASTEN und die seelischen Probleme des Verlassenen wieder mitzutragen helfen.
Tina Soliman klagt zwar im 7. Kapitel, dem weitaus besten in ihrem Buch, recht überzeugend den modernen Zeitgeist an = Unsere Kommunikationslosigkeit, der Mangel an Dialog, Aufrichtigkeit, Rückgrat und Charakter. Sie moniert unsere Einsamkeit und Isolation, appelliert zu mehr Mut und Vertrauen, sieht in der Gesellschaft zu viel Konfliktscheue und zu wenig Frustrationstoleranz, sie spricht von sozialer Entfremdung und Mauern, die verhindern, dass wir uns begegnen können.
Mit all dem hat sie vollkommen Recht.
Doch Soliman selbst ist es, die mit Ihrer konservativ-orthodoxen Grundhaltung erst die Mauern und die unüberbrückbare Distanz erschafft, die es einem unmöglich macht, offen aufeinander zuzugehen. Sie meint, die Abbrecher mittels Druck, Ausgrenzung und Bestrafung wieder auf den richtigen Weg der >Tugend< zurückführen zu können. Sie glaubt nicht an Autonomie und Selbstbestimmung und dass jeder Mensch ein naturgegebenes Recht auf ein eigenes Leben hat.
Statt den Wurzeln des Problems auf den Grund zu gehen, lautet ihr sehr naiver Grundtenor: Bindungen sind grundsätzlich immer etwas Gutes. Wer diese "verrät", muss krank sein und sollte wenn möglich von dieser Krankheit "geheilt" werden. Soliman versteht nicht, dass der radikale Abbruch der Beziehung für beide Seiten auch eine Entwicklungschance bedeuten bzw. die Basis für Weiterentwicklung sein könnte.
Soliman baut in ihrem Buch sehr geschickt Legenden und Mythen auf, um mit deren Hilfe ihre These der >unantastbaren Bindung< untermauern zu können. Richtig grotesk wird es, wenn es im Buch heißt, wortlos den Kontakt abzubrechen wäre einem Suizid gleichzusetzen, und der Abbrecher würde sich dadurch in Isolation begeben. Da möchte ich die Gegenthese formulieren. Junge muslimische Frauen beispielsweise, die radikal mit ihren orthodoxen Familien gebrochen haben (ohne es ihnen zu erklären), leben nach dem Abbruch erst richtig auf. Sie bewegten sich vor ihrem Abbrechen am Rande des Suizids. Die Innere Isolation erlebten sie innerhalb der repressiven Familienstrukturen.
Eine der zentralsten Legenden im Buch lautet: Der Abbrecher verhindert durch sein Schweigen, dass die alte Beziehung abgeschlossen werden kann. Soliman behauptet, beide bleiben im Niemandsland der Unsicherheit gefangen und ewig miteinander verbunden. Hört sich im ersten Moment irgendwie plausibel an, ist aber meines Erachtens verintelektualisierter Blödsinn.
Soliman klaut hier recht frech Muster aus einem anderen Problembereich; nämlich dort wo Partner/Angehörige spurlos verschwunden sind und man nicht weiß, ob dieser Mensch einem Verbrechen zum Opfer gefallen oder ein anderes Unglück passiert ist. Die erklärungslose und radikale Trennung von einem klammernden Partner/erdrückenden Familienmitglied ist aber etwas völlig anderes und damit nicht zu vergleichen. Auch hier vermischt Soliman recht unseriös Dinge, die recht wenig miteinander zu tun haben, um damit dem Abbrecher die Schuld am Leiden des Verlassenen zuschustern zu können.
Wir leben in so vielen Bereichen des Lebens im Niemandsland der Unsicherheit und der Ungewissheit und können trotzdem recht gut damit umgehen. Dass Verlassene auch nach vielen Jahren glauben, der Abbrecher könnte wieder zurückkommen, liegt an ihrer mangelnden Selbstreflektion und an ihrer Unfähigkeit, die Wahrheit ertragen zu können. Das Versagen des Verlassenen, Schmerz und Verletzung adäquat verarbeiten zu können, ist der Grund seines Leidens und seines Stillstands. Aber ganz bestimmt nicht die Tatsache, dass sich der Abbrecher wortlos verabschiedet hat.
Ein weiterer Mythos ist die angebliche Kommunikationslosigkeit des Abbrechers.
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