Der Roman "Funke der Freiheit" von Tilman Röhrig ist mehr als eine "Einladung in ein dramatisches Theaterstück"!:
Perfekt durchkomponiert hat der Autor die berührende Geschichte um den jungen Theologiestudenten, Carl Ludwig Sand, der 1819 den Lustspieldichter und russischen Staatsrat, August Kotzebue, heimtückisch ermordet und sich dann selbst den Dolch in die Brust stößt. Passend zum Sujet, kleidet der Autor den Roman in die Form des Klassischen Dramas und bettet ausdrucks- und formbestimmende Gestaltungsmittel dieser Textsorte in vielfältigen Variationen - leitmotivisch vernetzt - in den Gesamttext ein.
Am Anfang des Romans steht die Tat eines in der Epoche des Vormärz politisch verführten jungen Mannes, der angelockt vom verführenden Wort, in den verschlingenden Sog radikaler, demagogischer Heilsbotschaften seiner Lehrer Karl Follen und Friedrich Ludwig Jahn gerät. Der Leser - in der Rolle des "Zuschauers", begleitet nun Sand, der schwerverletzt überlebt, eine äußerst qualvolle Operation übersteht, dem der politische Prozess gemacht wird, bis hin zu seiner Hinrichtung - vom Volk mittlerweile zum Helden stilisiert - auf der "Bühne Mannheims". Wir nehmen teil an den Verhören durch den Gerichtsrat, der in einer menschlich noblen Art nach dem Prinzip "Du sollst dir kein Bildnis machen!" das Psychogramm Sands feinfühlig und subtil montiert, die Balance zwischen Einfühlen und angemessener innerer Distanz wahrend.Diesen differenzierten Weg zur Analyse der wahren Tatmotive Sands erlebt der Leser in der gleichen Haltung mit: Wir tauchen ein in die Gedanken, Fieberträume, Erinnerungen und Erlebnisse des Protagonisten, schauen hinter die Vorhänge seines "Tuchhimmels", erleben, wie der "enge Bettraum zu einer Bühne" wird und müssen uns achtsam Sands Seelenlaborinth erschließen: Gegenwart und Vergangenheit des Protagonisten werden kunstvoll gespiegelt und gebrochen. Dabei erhält der Leser aufschlussreiche Einblicke in die Lebensexposition Sands und muss erkennen, welch verhängnisvolle Rolle seine frühkindliche Mutterbeziehung spielt...Sands gefühltes Defizit, sich selbst und andere nicht getrost annehmen zu können, kompensiert er, indem er sich in ein unerbittliches Disziplinkorsett zwingt; so wird er anfällig für vielfältige Formen der Versuchung, Sucht: Er "trinkt" die Verse Follens, versinkt heillos in den Rausch der fanatischen, menschenverachtenden Heilslehren, spricht "fremde" Texte wie seine eigenen, spielt "endlich eine Rolle", wird hybrid:
Am Anfang war das Wort, dann entwickelt sich ein Trugbild, und letztendlich folgt die verhängnisvolle Tat:
So ist Sand Opfer und Täter zugleich.
Den dramatischen Roman verlässt man als ein "Gewandelter", erkennend, wie wichtig Ich-Entfaltung, Ich-Stärke, Sublimierung der Gefühle und Empathie sind.
Tief berührt hat mich auch die Erkenntnis, dass Sand als Paradigma des vielfach abhängigen, gefährdeten und zerbrechlichen menschlichen Wesens empfunden werden kann.
Diesem subtilen, unvergesslichen Roman wünsche ich viele Leser!