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38 von 42 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
BreitbandIndiePop für die Seele, 21. April 2005
The Arcade Fire, das ist eine Gruppe Musiker aus Montreal/Kanada, die sich um Frontmann Win Butler und dessen Ehefrau Régine Chassagne gebildet hat. Win Butler wird seit der Veröffentlichung von "Funeral" von vielen Magazinen als der neue "König des IndiePop" gepriesen, er selsbt ist jedoch auf dem Boden geblieben und versteht den ganzen Trubel um seine Musik nicht. Da werden Vergleiche gezogen mit Legende wie den "Pixies" oder "The Cure" ... und ganz ehrlich, Arcade Fire klingen noch tausend Mal besser. Ihre Musik verbindet vieles, das Hitpotential und der Melodienbogen von "The Cure", die Dynamik und Leichtigkeit von "The Pixies" und, wenn man sich nach der etwas gewöhnungsbedürftigen Stimme Win Butlers richtet, vielen ganz großen Ikonen des Pop wie David Bowie oder Iggy Pop. Butler setzt sein Sprachorgan mit einer solchen Hingabe ein, daß es einem manchmal heiß und kalt den Rücken runterläuft. Seine Frau tut es ihm auf eine rührende Art und Weise gleich. Es steckt viel in dieser Musik ... auf der einen Seite Ohrwurmmelodien, spontane Schreiattacken, eine äußerst abwechslungsreiche und große Instrumentierung, herzzerreißende Lyrics."Funeral" heißt das Album, denn die Mitglieder der Band mußten während der Aufnahmen gleich drei Todesfälle in ihrer nahen Verwandtschaft verarbeiten. Zwischen tanzbarer Popmusik mischt sich daher immer wieder ein melancholischer bis tieftrauriger Unterton, man ist gefangen in einem Zwiespalt zwischen Glück und Unglück, Euphorie und Depression. Hört sich schwierig an, aber die Band versteht es glücklicherweise unheimlich gut alles schön locker und verdaulich zu servieren, wen man mal von dem recht krassen "Haiti" absieht. Eine Berg- und Talfahrt der Gefühle. "Neighborhood #1 (Tunnels)" ist der Auftakt, ein riesiger Ohrwurm mit schmissigem Beat und einem unheimlich energetischen Piano, gehört auf die Tanzflächen dieser Welt. Win Butlers Gesang kommt sofort zu vollem Einsatz und treibt den ganzen Song auf seine seltsam abgehackte Weise an. "Neighborhood #2 (Laika)" ist, meiner Meinung nach, der beste Song des Albums. Schwer zu beschreiben, warum dieses gespenstische Akkordeon, dieser fast geschriene Gesang (richtig putzig, wenn Sängerin Régine loslegt -g-), die schrammeligen Gitarren und diese seltsamen Lyrics einen so sehr mitreißen. Wenn dann auch noch wunderschöne Streicher die Refrains untermalen, dann spricht man meiner Definition nach zumindest von einem perfekten Song. Es passt einfach alles. "Une Annee sans Lumiere" fängt erstmal sehr schön ruhig an, ein richtig verträumter Popsong wie er im Buche steht, entwickelt sich aber gegen Ende zu einem richtigen Feger, macht unheimlich Hunger auf Liveauftritte! Schafft die Band es auch live solche Dynamik zu erzeugen? "Neighborhood #3 (Power Out)" hat sich mir leider nicht so ganz erschlossen, bewegt sich mit seinem statischen Rhytmus und klirrendem Glockenspiel leicht an der Kitschgrenze ... nicht schlecht, aber auch nicht unbedingt großartig. Lediglich die fetzige Sologitarre sticht hier heraus. "Neighborhood 4 (Kettles)" ist dann wieder ein richtig schöner, ruhiger Song mit tollen Lyrics. Butler zeigt seine verletzliche und traurige Seite, untermalt von nicht viel mehr als einer Gitarre und einigen Streichern. "Crown of Love" ist, wie "Power Out" wieder etwas schrulliger, aber sehr ehrlich und direkt. Wieder gegen Ende diese unheimliche Dynamik, plötzlich bricht der Song aus seiner eher traurigen Stimmung heraus und verwandelt sich in einen richtigen Gassenhauer. Wessen Beine da ruhig bleiben, der gehört ins Altenheim. "Wake Up" .... ganz genau, so muß es sich anhören, wenn man eine Hymne über das Großwerden singt. Richtig schön dicke Gitarren, mitreißender und choraler Gesang und - schwups - schon wieder so ein krasser Stilbruch am Ende. Ist das nicht langsam ein wenig vorhersehbar? Von wegen, ich muss jedes mal aufs neue innerlich Lachen, wenn sich dieser wuchtige Song plötzlich in eine zuckersüße Popballade verwandelt. Ein Song, wie als wenn man nach einem langen Winter zum ersten Mal das Gesicht zur Sonne wendet. "Haiti" ist ein sehr persönlicher Song über Chassagnes eigentliche Heimat, aus der sie soviel ich weiß geflohen ist ... sehr krasse Lyrics, die so irgendwie überhaupt nicht zu der eher heiteren Südseeatmosphäre des Liedes passen wollen ... und es gerade deshalb unheimlich authentisch macht und einen nachdenklich stimmt. Schade nur, daß der wudnerschöne Gesang ein bißchen zu sehr im Hintergrund steht. Auf jeden Fall geht es mächtig unter die Haut ... "Rebellion (Lies)" ist nochmal hunderprozentig Ohrwurm, hunderprozentig Pop, Tanzflächenfüller und Gutelaunemacher. Zu guter Letzt das unheimlich rührende und tottraurige "In the Backseat" ... hier hört man Chassagne nochmal als Solosängerin, und wie schön sie das macht ... irgendwo zwischen der fremdartigen, süßen "Björk" und der kühlen und subtilen "PJ Harvey" ... sie singt über die Ruhe auf dem Rücksitz, kurz bevor der Autounfall passiert ... ich habe in meinem Leben nie eine derartige Gänsehaut bekommen. Es stimmt schon, das Leise kann manchmal lauter sein als alles Laute. Komisch, normalerweise kann ich mich für so offensichtliche Popmusik gar nicht begeistern ... nur bei Arcade Fire ist es anders. Sie sind ehrlich. Sie sind direkt. Sie kommen von Herzen. Sie haben Talent. Sie sind auf jeden Fall ganz ganz groß und werden es hoffentlich noch lange bleiben. Meine Empfelung für einen schönen Sommer mit viel Sonnenschein, einen melancholischen Herbst mit fallenden Blättern, einen stillen Winter am Kaminfeuer, einen Frühling, während man verträumt aus dem Fenster schaut und dazu singt "if my parents stop crying, then I'll dig a tunnel, from my window to yours".
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