15 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Interessant aber kein Meisterwerk, 27. September 2008
Rezension bezieht sich auf: Der Fundamentalist, der keiner sein wollte (Gebundene Ausgabe)
Der lange Monolog des Changez, eines jungen Pakistaners, ist die elegante Form, die Mohsin Hamid gewählt hat, um den Leser immer wieder auf die eine dann die andere Seite eines interkulturellen Abgrunds zu führen. Soweit so gut. Mir hat es gut getan, die ganze Problematik durch die Augen eines intelligenten, gebildeten, differenziert denkenden Pakistaners zu sehen. Die Erzählung ist auch sonst unterhaltend, stellenweise ergreifend, die Wandlung des Changez vom Princeton-Yuppie zu was auch immer er am Schluss ist, scheint mir nachvollziehbar.
Was dem Buch jedoch fehlt ist thematische Breite und menschliche Tiefe. Wäre die Thematik medial nicht so "in", ginge es beispielsweise um einen Inuit oder einen jungen Südamerikaner, wäre dieses Manko noch stärker spürbar. Die ganze Erzählung dreht sich mehr oder weniger um die Frage welche Seiten gibt es in diesem Konflikt und auf welcher Seite steht Changez. Dies bleibt die einzig wichtige Frage die die einzige Figur in diesem Buch bewegt. Seine Fixation auf seine amerikanische Freundin stellt ihn bloss als recht naiven Mann, ein Charakterzug der m.E. die Wichtigkeit seiner politischen Ansichten ungemein relativiert.
Gerade von Schriftstellern aus dem indischen Subkontinent gibt es zum Thema Identität(sfindung) und Religion Werke, die in einer ganz anderen Liga spielen.
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21 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Protokoll einer Entfremdung, 4. Juni 2007
Rezension bezieht sich auf: Der Fundamentalist, der keiner sein wollte (Gebundene Ausgabe)
Ein beeindruckendes Buch hat Mohsin Hamid mit "Der Fundamentalist, der keiner sein wollte" vorgelegt, mit einem spektakulären "End-Szenario", das - für manchen Leser vielleicht nicht gewollten - großen Freiraum für eigene Spekulationen und Gedankengänge lässt und vielleicht sogar schockieren kann.
Dabei beginnt das Buch charmant harmlos: "Entschuldigen Sie, Sir, kann ich Ihnen behilflich sein? Oh, jetzt habe ich Sie erschreckt. Sie brauchen keine Angst vor meinem Bart zu haben: Ich liebe Amerika."
So wird ein unbekannter Amerikaner (der auch während des gesamten Buches recht nebulös bleibt), von Changez, einem respektvoll höflichen, einheimischen Universitätsdozenten, auf einem Platz in der Altstadt von Lahore (Pakistan) angesprochen. Dieser lädt ihn in ein Straßencafé ein und beginnt ihm von seinem Leben zu erzählen: Studium in Princeton, Abschluss mit summa cum laude und gut bezahlter Job in einer Elite-Unternehmensberatung in New York, beginnende Liaison mit einer Amerikanerin (Erica) aus New Yorks High Society.
Ein perfekt assimilierter Ausländer - wie es scheint -, der das große Los gezogen hat. Und er genießt es auch - anfänglich. Er "badete in dem warmen Gefühl, etwas erreicht zu haben".
Doch beginnende Zweifel, ob der Mentalität der Upper Class, sei es die Leichtigkeit beim Geldausgeben oder aber die Selbstgerechtigkeit im Umgang mit Leuten, scheinen an ihm zu nagen. Gewöhnt an traditionelle Ehrerbietung Älteren gegenüber, schockieren ihn diese Menschen, "denen es so ganz an Kultiviertheit fehlte" und die man in seinem Land als Emporkömmlinge bezeichnen würde, die jedoch trotzdem "in der Lage waren, sich auf der Welt zu benehmen, als wären sie ihre herrschende Klasse."
Endgültig aus dem Gleichgewicht gerät er, als am 11. September 2001 die Zwillingstürme in sich zusammenbrechen und er immer mehr - durch das in seiner Umgebung aufflackernde Misstrauen gegen "Araber" - isoliert wird. Auch die Liebe zu Erica hat keine Zukunft, da diese in Schizophrenie verfällt.
Changez - zunehmend von Loyalitätskonflikten getrieben - schmeißt seinen Job und kehrt nach Pakistan zurück. Das Gespräch nimmt unterschwellig immer bedrohlichere Maße an, obwohl Changez stets höflich kultiviert bleibt. Muss man vermuten, dass er mit islamischen Terrorgruppen sympathisiert? Ist er jetzt ein Fundamentalist geworden?
Eingebettet ist die Lebensgeschichte in eine Rahmenhandlung. Jedes Kapitel beginnt und endet mit Gegenwartsbezügen, in denen Changez dem relativ wortkargen und immer mehr verunsicherten Amerikaner, die Augen für flüchtige, sehenswerte Momente öffnet, teilweise mit leicht arrogantem Unterton. Dazwischen resümiert er aus seiner Vergangenheit, die er chronologisch vor dem Fremden ausbreitet und in dessen Verlauf er die Hintergründe seines Sinneswandels erläutert.
Der Roman ist ein langer, fließender Monolog in einem einfachen, schlichten, schnörkellosen Plauderton, jedoch von unglaublicher Intensität und grandioser Beobachtungsgabe gezeichnet, der man sich schwer entziehen kann. Man taucht in dieses Buch ein und kann sich kaum von der unglaublichen Sogwirkung dieser Lebensbeichte lösen.
Dabei zeigt der Protagonist volles Verständnis für die Denkweise des Westens, öffnet aber gleichzeitig dem Leser neue Aspekte seines - völlig säkulären - "Abfalls vom Glauben an Amerika".
Grandios eingewebt in die Geschichte ist die fragile Beziehung Changez' zu Erica. Deren zunehmende Nostalgie an ihre verstorbene einzige Liebe Chris wird mit der aufkommenden Rückwärtsgewandtheit Amerikas assoziiert. Am Ende verfällt dann auch Changez immer mehr dem "tödlichen Bann vergeblicher Liebe".
Fazit:
Das Buch ist ein Versuch, um herauszufinden, warum Menschen zu Fundamentalisten werden können.
Ich kann mich der NZZ nur anschließen, für die "Der Fundamentalist, der keiner sein wollte" ein äußerst gelungener "Versuch eines Autors aus der islamischen Welt, dem Westen auf Augenhöhe mit kritischem Blick, aber ohne die dräuende Macht eines zornigen Gottes im Rücken zu begegnen" ist.
Mohsin Hamid gelingt es meisterhaft, mit Hilfe seines Protagonisten - des jungen Changez, der als ungewöhnlich begabt, ehrgeizig, human, einfühlsam, einsichtig, wissbegierig und liebenswürdig dargestellt wird - die Veränderung einer Geisteshaltung zu vermitteln.
Dabei weist die Hauptfigur keine einzige "negative" Eigenschaft auf. Changez ist wie ein Heiliger, unbelastet und unfehlbar.
Aber gerade deshalb ist das Ende für mich sehr widersprüchlich. Es ist am Leser, die Geschichte "fertig zu spinnen" und das Finale einzusetzen, an welches man selbst meint zu glauben. Doch gerade dies fällt mir aufgrund der aufgebauten Sympathie zum "Helden" persönlich sehr schwer und ist für mich befremdlich und beunruhigend zugleich.
Aber gerade diese Unklarheit neben dem gleichzeitigen Realismus ist eine der Stärken dieses Romans.
Auf jeden Fall ist es ein Buch, was lange nachhallt. Sehr passend für unsere Zeit.
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17 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Unterhaltung und Nachdenken - Hohe Kunst, 4. April 2007
Rezension bezieht sich auf: Der Fundamentalist, der keiner sein wollte (Gebundene Ausgabe)
In Der Fundamentalist, der keiner sein wollte" beschreibt Moshin Hamid die zerrissene Gefühlswelt eines vollkommen assimilierten Pakistani in den USA vor und nach den Anschlägen vom 11. September.
Dieser Pakistani hat es durch ein hervorragend abgeschlossenes Studium an der Elite-Universität Princeton geschafft, in die oberste Gesellschaftsschicht Amerikas vorzustoßen. Beruflicher Erfolg, erste, anfangs vielversprechende Bemühungen um eine junge Frau aus sehr gut situiertem Hause - und dann der Schock der Anschläge, der für den Protagonisten gar kein solcher war. Er fühlt sich wohl in Amerika, liebt es gar, doch kann er seine auffallende Arroganz auf dem weltpolitischen Parkett kaum ertragen. Die persönliche Zerrissenheit, die schließlich zur Abkehr vom geliebten Lebenswandel führt, schildert der Roman eindrucksvoll.
Der Roman wagt meiner Meinung nach in der Tat ein sehr schwieriges Unterfangen und wird seinem Anspruch vollauf gerecht. Wie zunächst die beiden sehr verschiedenen Welten durch den Protagonisten nahezu unlösbar miteinander verbunden sind und sich nach und nach eine Skeptik gegenüber der Wahlheimat einstellt, die unweigerlich größtenteils der Ablehnung weicht, das ist schon groß und imponierend mit beglückenderweise wenig Redundanz geschildert.
Aus dem Herzen New Yorks kommt so auch eine Stimme zur Geltung, von der man schon fast nicht glaubte, dass sie existierte, so wenig Aufmerksamkeit wurde ihr geschenkt. Doch den absoluten Höhepunkt stellt für mich das Ende dar. Von hier aus ist alles möglich, was prinzipiell für offene Ende nichts Neues ist. Doch im Resultat des Denkbaren liegt das wirklich Verblüffende: Wie man es auch dreht und wendet, es werden immer stereotype Denkmuster entlarvt, aus der einen oder der anderen Richtung. Es bleibt einem strenggenommen nichts anderes, als sein persönliches Denken und Handeln zu reflektieren und in Frage zu stellen. Und von hier geht auch der immense Nachhall des Buches aus, der sich zu den unterschiedlichsten Situationen oftmals wieder bemerkbar macht - besonders in ganz alltäglichen Situationen.
Ein Buch das begeistert, aufrüttelt, unterhält und zugleich nachdenklich macht. Verschlingen und wirken lassen!
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