Mit der Band Creed ist es scheinbar so eine Sache. Entweder man liebt sie, oder aber man regt sich über einen Poser-Sänger, christliche Texte und angeblich überschwänglichen Kommerz auf. Ganz ehrlich, letztere Gruppierung habe ich nie verstanden. Jeder, der schonmal ein Instrument in der Hand hatte, MUSS einfach zugeben, dass Creed auf Ihren letzten Alben das ein oder andere Meisterwerk abgefeuert haben. Aber gut, von der Vergangenheit alleine lässt sich nicht wirklich leben, darum gehe ich nun auf das neue Werk ein.
Die Wartezeit in dem Sinne war gar nicht so schlimm, schließlich wurde mit Alter Bridge eine neue Band gegründet, die im Nachhinein zumindest musikalisch gesehen noch viel geilere Scheiben veröffentlicht hat, als Creed es bis Dato getan haben. Ich schreibe absichtlich bis Dato, denn Full Circle ist, man mag es kaum glauben, die vermutlich stärkste Platte der Jungs. Größter Vorteil an dieser Scheibe ist, dass stilistisch gesehen die gesamte Vergangenheit der Band-Mitglieder Einfluss gefunden hat. Ein Hauch "My own Prison", 2-3 an "Human Clay" angelehnte Perlen, der Kommerz von "Weathered", der dreckige Gesang von Stapps Solowerk sowie, und das ist der wichtigste Punkt, eine in jeder Nanosekunde präzise, brachial, emotional und komplex aufspielende Band. Sicher, Bass und Schlagzeug sind schon Klasse, aber sind wir doch mal ehrlich: Creed mag auf den ersten Eindruck hin vom Sänger leben, unter der Oberfläche brodelt jedoch stets das Genie eines gewissen Mark Tremonti. Dieser Mann ist für mich schlichtweg der kompletteste Gitarrist der Welt und scheinbar hat er es geschafft, seiner alten Hassliebe Scott Stapp auch mal ein paar schöne Soli unterzujubeln. Auch "Creed mag ich nicht, aber Alter Bridge rocken"-Fans dürften also sehr wohl Gefallen an "Full Circle" finden.
Die Songs in der Einzelkritik
1. Overcome
Dieser Song ist zugleich auch die erste Single. Ohne Frage, der Song ist ein Knaller geworden und sicherlich auch perfekt geeignet um ein Album zu eröffnen. Ob der Titel jedoch unbedingt die erste neue Single werden musste, ist fraglich. Ein durchschnittlicher Radio-Hörer mit einer Vorliebe zu Rock dürfte ein wenig Kommerzialität vermissen. Nichtsdestotrotz: Ein starker Song mit Ohrwurm-Charakter, dank Tremonti-Solo und dreckigem Intro über jeden Zweifel erhaben.
2. Bread of Shame
Okay, DAS hat nun wirklich gar nichts mehr mit Kommerz zu tun. Bread of Shame ist ein übelst harter Rock-Song mit genialem Gesang, genialen Riffs, genialem Text, genialen Melodien, genialem Ablauf und einer genialen, kontrollierten Agressivität. Der vielleicht härteste Song, den die Jungs bisher auf eine CD gepresst haben. Man merkt förmlich, wie Tremonti alles aus seiner Gitarre rausquetscht.
3. A thousand Faces
Einer dieser Songs, die stilistisch eher in die "Human Clay"-Kategorie fallen. Jeder Fan weiß, dass dies nichts schlechtes bedeuten kann. Für mich persönlich ist dieser Titel sogar der "Beste" auf der ganzen CD, besonders stark ist, dass Tremoni im Refrain mitsingt und den Chorus damit erst so richtig interessant macht. Hoffentlich eine der nächsten Singles, die hoffentlich den Anklang finden wird, den sie verdient.
4. Suddenly
Ein starker Track, der Anfangs jedoch ein wenig gewöhnungsbedürftig ist, da der Chorus sich ein bisschen zu extrem von der Stilistik der Strophe absetzt. Melodiös gesehen muss man das Ganze erst einmal verarbeiten, lässt man sich jedoch richtig auf den Song ein, ist er qualitativ gesehen genau so stark wie die Tracks davor.
5. Rain
Rain ist die zweite Single des Albums. Der Song ist sehr weichgespült und Radio-tauglich. Als ich das Album noch nicht komplett gehört habe und nur Overcome kannte, war Rain defintiv eine interessante Abwechslung, im Kollektiv gesehen ist der Titel jedoch ein bisschen zu weich für Creed-Verhältnisse. Und ganz ehrlich, rein stilistisch passt er nicht zwischen die anderen Songs. Dennoch muss man betonen, dass der Song an sich wirklich gut ist. Unterm Strich bleibt ein Song, nach dem sich andere Bands immer noch die Finger lecken würden.
6. Away in Silence
Zuerst ärgerte ich mich, dass nach Rain wieder ein ruhiger Titel kam, aber die Aufregung war schnell wie weggeblasen, denn der Song ist ein Hammer. Away in Silence MUSS eine Single werden. Um es kurz zu machen: Der perfekte Mix aus einer Creed- sowie einer Alter Bridge-Ballade. Ein Hammer.
7. Fear
Sprach ich gerade von einem Hammer? Und gleich noch einer hinterher. Fear dürfte für manchen DER Track der CD sein. Rockiger kann ein Rock-Song nicht sein. Hier gibt die Band offensichtlich nochmal alles, Tremonti zaubert hier eine Dynamik aus seiner Gitarre, die jeden anderen Gitarristen vor Neid erblassen lässt. Dagegen wirkt "Freedom Fighter" vom "Weathered"-Album wie eine Polka-Version für ein Altenheim.
8. On my sleeve
Die schlechte Nachricht vorweg: So ein Kracher wie Fear kommt nun nicht mehr. Die gute Nachricht aber direkt hinterher: Jeder der folgenden Songs ist trotzdem auf seine Art und Weise genial. Genau wie On my Sleeve, welches stilistisch auch gut auf das Weathered-Album gepasst hätte. Lobend zu erwähnen übrigens auch Stapps Gabe, den Songs mit seiner Stimme Leben einzuhauchen. Ein rockiger Ohrwurm. Schade nur, dass solche Tracks niemals das Licht der Radio-Welt erblicken werden, während Lady Gaga und Konsorten die Welt unsicher machen.
9. Full Circle
Okay, was erwartet man von einem Titeltrack einer CD? Über "Full Circle" wurde viel gesprochen, die Bedeutung des Titels sollte schnell klar sein und auch der Text lehnt sich an dieser Bedeutung an. Full Circle ist wohl DER Titel der CD, mit dem niemand so gerechnet hat. Ein Hauch Blues und Country legen sich über das Intro und die Strophe, nur um dann im Refrain wieder schön rockig aufzumachen. Wobei, es ist schon komisch, wenn man die Worte "It's funny how times can change..." aus einer Röhren-Stimme wie der von Stapp hört. Ein guter Track, der so manchem aber vielleicht nicht zu 100% gefallen wird.
10. Time
Jedes gute Rock-Album braucht einen Song dieser Art. Für Led Zeppelin ist es "Stairway to heaven", für Metallica "Nothing else matters" und für Alter Bridge ist es "Blackbird". Epos, Länge, Tiefgründigkeit, Melancholie, Glaubwürdigkeit, all das muss in so einem Song übermittelt werden. "Time" schafft das und weiß zu Begeistern. Die Lyrics sind gut und so ein bisschen fühle ich mich wieder an "Human Clay" erinnert. Dennoch: Ein Kaliber der Marke "Blackbird" ist Time nicht, dafür wirkt es zu konzeptioniert. Aber ein Song muss nicht immer besser als ein ander sein, um wirklich gut zu sein. Beide Daumen hoch für dieses kleine Meisterwerk.
11. Good Fight
Wir neigen uns dem Ende der CD zu und in mir kommt die Frage auf, ob Scott Stapp vielleicht doch ein ziemlich agressiver Typ ist. Auszüge aus seiner Songwriter-Vita lauten "Freedom Fighter" oder "Fight Sing". Nun also "Good Fight". Positiv ist auf jeden Fall, dass der Song, passend zum Text, agressiv daher kommt und Stapp eine Menge Herzblut in die Interpretation der Melodie und des Textes legt. Vor allem das Ende ist schön abgedreht und man merkt förmlich, wie er bei der Aufnahme des Songs seine Agressivität losgeworden ist. Stilistisch gesehen ist Good Fight übrigens ähnlich wie Suddenly, die Melodie-Struktur innerhalb des Songs wirkt zu Beginn nicht ganz stimmig und es Bedarf einiger Anläufe, bis man mit dem Song warm geworden ist. Macht aber nichts, unterm Strich ist er qualitativ auf dem gleichen Level wie alle anderen Songs
12. The Song you Sing
Das Album "Weathered" hatte den bisher schönsten Endsong aller Creed-CDs. Ganz so lyrisch und beruhigend ist The Song you Sing "leider" nicht, dennoch ist es ein würdiger Abschluss für "Full Circle". Die Strophen sind leicht verträumt, im Refrain hingegen dominiert das gute, alte Creed-Ohrwurm-Feeling. Nach ein paar Mal hören kristallisiert sich die Qualität des Tracks. Schön auch, dass Tremonti nochmal ein kurzes, aber dennoch schönes Solo auf die Beine gestellt hat.
13. Silent Teacher
Dieser Track ist leider NICHT in Europa erhältlich und war exklusiv für Vorbesteller der CD im amerikanischen ITunes-Store. Generell ist so ein Prozedere für alle wahren Fans ein Ärgernis, sind doch gerade diese Tracks oft ein Juwel, welches unverständlicherweise nicht auf die normale CD gepresst wurden. Bei Silent Teacher ist es jedoch ein wenig anders. Der Song ist nicht schlecht, aber ganz ehrlich, mit den anderen 12 kann er nicht ganz mithalten. Auch auf alten Creed-CDs wäre er vermutlich untergegangen. Letztlich bleibt die Freude über einen weiteren neuen Creed-Song, der jede anständige Sammlung komplett macht.
Nicht auf das Album geschafft haben es Titel wie Slow Suicide oder Milan Song. Zumindest wurden diese Tracks im Vorfeld angekündigt. Insbesondere Milan Song, ein Song von Stapp an seine kleine Tochter, hätte mich persönlich brennend interessiert. Aber vielleicht landen diese Songs auf einem weiteren Creed-Album.
Fernab vom ganzen Theater um eine Reunion auf Zeit (es wird gemunkelt, ein bestehender Vertrag über eine weitere CD hätte die Jungs dazu gezwungen, wieder gemeinsam zu spielen), ändert das nichts an der Qualität des Albums.
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