Was für ein Lauf! Steveland Morris geht es 1974 so richtig gut, als er mit tollen Studiomusikern sein 15. (oder schon das 18.) Album einspielt.
Der Start mit „Smile Please" nimmt das auf, ein herrlich schwingender Popsong mit interessanten Harmonien. Danach kommt „Heaven Is 10 Zillion Light Years Away", viel besser, persönlicher und anrührender, als der Titel vermuten lässt. Sehr gospel-lastig.
„Too Shy to Say" ist eine ruhige und ebenfalls mächtig anrührende Ballade, dreht sogar ein wenig Richtung Country (Steelguitar aus dem Moog-Synthie).
Danach wird das Tempo hochgezogen „Boogie On Reggae Woman" ist genau das, was der Titel versprechen könnte. Hier lässt sich das Tanzbein schwingen, dazu leichte Reggae-Einflüsse. Und am Ende packt Stevie sogar mal wieder die Mundharmonika aus!
„Creepin'" ist mittlerweile schon durch mindestens ein Dutzend Coverversionen geehrt (am bekanntesten wohl immer noch die von Luther Vandross). Der ungemein warme Moog trägt einen in Text und Melodie schlicht genialen Song - wo hat der Kerl nur diese Ideen hergenommen? Toll, und selbst die in der Mitte wieder eingesetzte Mundharmonika stört nicht, sondern trägt etwas Gutes bei. Hach...
Konsequent der Bruch danach. Während zum Ende von „Creepin'" noch das wohlige Dahinsinnen regiert, treiben schon purzelnde Tonkaskaden zu ganz neuen Anliegen. „You Haven't Done Nothin'". Erdiger, frecher Politfunk, ganz unverstellte Politikerschelte (Präsident Nixon ist der angegriffene Drecksack). Und der Herr Morris zeigt, dass er trotz Wohlleben durchaus noch mitbekommt, was da draußen in seinem Land so vor sich geht. Kraftvoll, machtvoll, prachtvoll. Und mit den Jackson 5.
„It Ain't No Use" - das Problembewußtsein wird aus der Straße wieder ins Haus gebracht. Ein Trennungslied mit dem dankenswert deutlichen Refrain: „Bye Bye ... Bye Bye Bye". Geht auch schön gesungen...
„They Won't Go When I Go" ist noch mal ein Stück ernsthafter. Sehr persönlich, das Leid des erfolgreichen Künstlers an den falschen Freunden thematisierend. Klar, dass ein George Michael sich da einer Coverversion nicht enthalten konnte (was hätte er dafür gegeben, diese Nummer selbst zu schreiben!). Stevies Original ist aber besser. Fast nur Klavier und Stimme, etwas Moog dazu. Eindringlich und extrem soulful. Und spätestens hier müssen es dann auch die durchaus schätzenswerten Neosoul-Jungs wie Musiq, Donnie oder Bilal zugeben: Der Herr Morris, der war für diese Art Musik nicht nur zuerst da, er ist auch immer noch der Meister.
Damit indes der geneigte Käufer nach den eher traurigen Nummern nicht in Trübsinn verfällt, kommt jetzt ein ... Samba! In „Bird of Beauty" singt Stevie doch glatt eine längere Strophe auf Portugiesisch. Und die Nummer ist trotzdem brilliant (oder sogar deswegen?).
Mit „Please Don't Go" zum Schluss kann ich mich dem Titel dieses traumhaft schönen und positiven Popsongs nur anschliessen. Das muss noch lange nicht aufhören!
Stevie hat nach diesem Tamla Motown Album (5 oder 6 Grammy-Awards gab es dafür) erstmalig eine kleine Pause eingelegt und kam erst zwei Jahre später wieder mit einem längeren Teil heraus. Das war dann gleich das umwerfende Doppelalbum „Songs In The Key Of Life". „Fulfillingness First Finale" aber bleibt vielleicht sein harmonischstes Album. Voller Spielfreude, immer wieder mit netten Überraschungen, in traurigen wie fröhlichen Momenten das Herz wärmend - und natürlich auch nach 30 Jahren noch eine unbedingte Kaufempfehlung.