Die X100 ist keine perfekte Kamera, aber die faszinierendste von allen digitalen Kameras, die ich bisher kennenlernte. Es gibt weit besser ausgestattete, es gibt hosentaschentauglichere und ergonomischere, aber sie hat trotzdem keine Konkurrenz, denn sie stellt derzeit eine eigene Klasse dar, denn es gibt keine andere Kompakte mit APSC-Sensor UND Sucher (hier EVF und OVF; Sigma DP, Nexus und Leica X1 haben gar keinen Sucher). Fotografen aus der analogen Ära werden sich an Kameras mit deutlich größeren (Film-)Sensoren im "Vollformat" erinnern, wie die Olympus µ oder die Yashica T4 (damalige Kaufpreise ca. 300 DM), die mit einer adäquaten 35-mm-Festbrennweite kompakter als die X100 waren, sodass sie unauffällig in der Gesäßtasche einer Jeans verschwanden (geht mit der X100 nicht). Die kamen zwar ohne Display aus, benötigten jedoch Platz für eine Filmpatrone auf der linken Seite, einen Aufwickelmechanismus auf der rechten Seite und einen Motor zum Filmtransport. Warum Digicams mit vergleichbarem Funktionsumfang trotz Entfall des Motors und des Platzes für die Patrone und die Aufwicklung heute größer sein müssen, erschließt sich mir überhaupt nicht (gilt auch für APS-DSLRs).
Aber eine meiner Lieblingskameras damals war die Konica Hexar mit vergleichbarer Optik, vergleichbar edler Anmutung und die hatte die gleiche Größe wie die X100. Deshalb höre ich an dieser Stelle auf, zu nörgeln, aber auch, weil die X100 im Unterschied zu den genannten Olympus µ und Yashica T4 über griffige Einstellräder für Blende, Belichtungszeit und Belichtungskorrektur verfügt, weshalb sie - rückblickend auf die Analog-Ära - doch eher mit der gleich großen Konica Hexar verglichen werden muss, die von der X100 in ihren technischen Möglichkeiten (Verschlusszeiten, integrierter Graufilter, Konfigurationsmöglichkeiten etc.) jedoch deutlich getoppt wird.
Das Objektiv der X100 ist über jeden Zweifel erhaben. Bei Blende 2.0 bereits beeindruckend scharf (wenn die Scharfeinstellung richtig liegt), ist es schon bei Blende 2.8 scharf bis in die Ecken und toppt selbst einige aktuelle Festbrennweiten für DSLRs. Die Rauscharmut des Sensors ist beeindruckend. Bei Rauschunterdrückung auf niedrigster Einstellung erinnert das Rauschen bei hohen ISOs eher an Filmkorn und stört (mich) nicht.
Das Filmen (720p/24 fps) wurde von den Entwicklern leider eher stiefmütterlich integriert, obwohl die Kamera nicht nur nominell sondern auch optisch hochaufgelöste Filmaufnahmen machen kann. Der AF stellt während des Filmens nicht im Nahbereich (bis ca. 1,5 m) scharf! Der MF ist keine Alternative, denn er muss vor der Aufnahme eingestellt werden und kann leider nicht nachgeführt werden (der tackernde Schrittmotor des MFs würde die Tonspur auch unbrauchbar machen). Immerhin kann man mit dem MF auch im Nahbereich scharfstellen (aber die Schärfe eben nicht nachführen). Das berücksichtigend kann man zwar auch mit der X100 filmen, ein vollwertiger Ersatz für eine Videokamera ist sie jedoch NICHT und soll sie leider auch nicht sein: Das Handbuch benötigt für die Erläuterung der Filmfunktion genauso viel Raum wie für die Erläuterung, wie der Trageriemen anzubringen ist ...
Beim Filmen im AF-Mode sollte Blende 2.0 auch jenseits des kritischen Bereichs (unter ca. 1,5 m) vermieden werden, da der AF auch bei völlig problemlosen Aufnahmesituationen zum Pumpen neigt und die Offenblende beim Filmen ohnehin deutlich "weicher" als beim Fotografieren wirkt, also nicht mehr viel mit HD zu tun hat. Ein ähnlich weiches Bild bekommt jede in PAL-filmende und MPG2-aufzeichnende Kamera hin - gute Kameras können das sogar ohne Schärfepumpen.
Warum bei gleicher Filmsimulation (Provia/Velvia/Astia) die Filmaufnahmen jeweils einen deutlich härteren Kontrast und eine größere Farbsättigung haben müssen als die unter gleichen Bedingungen aufgenommenen Fotos, erschließt sich mir nicht. Und dass die H264-komprimierten Clips ausgerechnet in einen Quicktime-Container (MOV) verpackt werden, mag Mac-Benutzer freuen - das dürften aber auch die Einzigen sein.
Ein Highlight hingegen ist, dass trotz der Festbrennweite von 35 mm (KB-Äquivalent) beim Filmen ein Kurztele (105 mm KB) zur Verfügung steht, indem ohne auflösungsverminderndes "Digitalzoom" von Pixelbinning (Zusammenfassen mehrerer Sensorpixel zu einem aufgenommenen Pixel) auf Non-Pixelbinning umgeschaltet wird, d.h. die Sensorpixel werden in der Telefunktion 1:1 zur Aufnahme verwendet, indem nur ein Teil des Sensors (also die mittleren 1280x720 Pixel) benutzt wird, was weder das Rauschen erhöht noch Qualitätsminderung zur Folge hat, was beweist, das Pixelbinning keinerlei Vorteile bringt, sondern nur eine technische Lösung ist, die Auflösung von "Multi-Megapixel-Sensoren" auf die niedrigere Filmauflösung zu bringen.
Was ist nun von der Filmfunktion der X100 zu halten? Bei gleichbleibender Aufnahmeentfernung und bei Blenden ab 2,8 ist sie sehr brauchbar, kann aber keinesfalls eine echte Videocam ersetzen.
Einige Kritiker störten sich seit Bekanntwerden des Preises an seiner Höhe. Diese Leute mögen einfach mal versuchen, eine APSC-DSLR mit 23/2.0 oder 24/2.0 zum gleichen Preis zu finden. Einzige Alternative wäre eine Micro-Four-Thirds mit Panasonic 1.7/20, das jedoch nicht die Freistellmöglichkeit des Fujinon 2.0/23 der X100 hat und ihm auch optisch nicht das Wasser reichen kann (haptisch sowieso nicht), genauso wenig wie der nur halb so große Sensor, dafür aber immerhin einen Bildstabilisator hat. Sony hat inzwischen ein ähnliche Festbrennweite zu seinen spiegellosen Mini-APS-Cams auf den Markt gebracht - zum Preis einer X-100. Nur müssen Sony-Kunden die Kamera separat bezahlen. ;-)
KRITIK
- kein Bildstabilisator (1/30 erfordert schon eine ruhige Hand, 1/15 wird kritisch, 1/8 Glücksspiel)
- Kamera ist nicht wasser- und staubdicht (Pentax schafft das bei seinen DSLRs der gleichen Preisklasse)
- AF-Messung liegt beim Arbeiten mit selektiver Schärfe (große Blende) öfter mal daneben
- Menü-/OK-Taste ist "fummelig", d.h. mit dem Daumen nicht sicher bedienbar, da man dabei zu leicht die Vierwege-Wippe betätigt, man muss die Kamera vom Auge nehmen, um den Fingernagel zu benutzen
- ISO-Automatik tief im Menü versteckt statt direkt in der ISO-Einstellung
- keine Streulichtblende im Lieferumfang; separat erhältliche Streulichtblende LHX100 völlig überteuert, aber vignettiert prinzipbedingt ohnehin die rechte untere Ecke des EVF
- Verwendung von Filtern und Streulichtblenden nur mit separat erhältlichem Filteradapter AR-X100 oder Step-Down-Adapter möglich
- Parallaxenausgleich wird separat zum Leuchtrahmen und AF-Messfeld eingeblendet. Warum werden Leuchtrahmen und AF-Messfeld stattdessen nicht gleich parallaxenkorrigiert eingeblendet? (Wäre kein höherer technischer Aufwand.)
- Panoramafunktion (Motion Panorama) scheitert regelmäßig bei bestimmten Motiven (Diagonalen im Bild), hat aber ohnehin eine reduzierte vertikale Auflösung (1440 Pixel). Das kann man mit Einzelbildern umgehen, die man klassisch mit Photoshops Panoramafunktion oder irgend einem Stitcher zusammensetzt. Dieser Punkt ist nicht wirklich ein Manko, da die Funktion lediglich ein Gimmick ist.
- AF-Hilfslampe zu dicht am Objektiv, wird u.U. (Streulichtblende) abgeschattet
ANMERKUNGEN ZUR KRITIK
Fehlender Bildstabilisator und fehlende Dichtigkeit waren natürlich vorher bekannt und fließen nicht in die Wertung ein.
Den Bildstabi vermisse ich nicht wirklich, da die Kamera selbst bei heruntergedrehter Rauschunterdrückung sehr rauscharm ist bzw. das vorhandene Rauschen nicht stört - es hat eher Filmkorn-Charakter.
Die fehlende Wasser- und Staubdichtigkeit ist bei dieser Kamera tatsächlich schade, da sie aufgrund ihrer Größe eine Immer-dabei-Kamera ist und das lichtstarke Objektiv und die Rauscharmut nicht nur zum nächtlichen Fotografieren einlädt, sondern generell zum Fotografieren bei wenig Licht, wie es bei schlechtem Wetter der Fall ist.
BTW
Man braucht kein Original-Fuji-Blitzgerät (das EF-20 bietet zu wenig für's Geld), sondern kann auch systemfremde Automatik-Blitze verwenden. In dem Fall stellt man Blende/ISO am Blitz und die gleichen Werte an der Kamera ein und die Automatik des Blitzes kümmert sich um die Lichtmenge. Testaufnahmen zur Ermittlung eines evtl. Korrekturfaktors sind jedoch empfehlenswert.
FAZIT
Meine vorgenannten Kritikpunkte resultieren aus meinen Ansprüchen an dedizierte Foto- und Filmgeräte und sind "Nörgelei auf hohem Niveau". Die X100 ist eine Top-Kamera und ich bereue keinen Euro, den ich vor Monaten als "Early Adopter" für sie bezahlt habe, auch wenn sie keine DSLR, keine gute Video-Kamera und keine hosentaschentaugliche Kompakte ersetzen kann. Die eierlegende Wollmilchsau gibt es eben (noch) nicht, aber die X100 deckt schon viele Ansprüche ab, und wer mit Kompromissen leben kann, ist nicht nur dem Glück ein Stück näher, sondern kann auch mit der X100 glücklich werden.