Cem wohnt in einer kleinen Zweizimmerwohnung in Berlin und lebt so, wie man als junger Kreativer in Berlin eben so lebt. Sex ist sein Beruf - er ist ein Sexarbeiter oder "Escort". In der öffentlichen Wahrnehmung gibt es solche Männer nicht. Doch es gibt mehr davon, als der Normalbürger denkt.
Sehr offen und unverblümt berichtet Cem, der sich als Machotürke verkauft, von seinen Erfahrungen. In dem Buch habe ich Sachen gelesen, von denen ich bisher noch nie etwas gehört hatte. Cem ist ein Mann, der weiß, wo es lang geht, ein richtiger Mann, einer der sich nimmt, was er will - zumindest gibt er sich diesen Anschein. Er hat Konditor gelernt, die Ausbildung aber abgebrochen. Seine Mutter ist Türkin, sein Vater war Personenschützer beim BKA. Cem war noch nie in der Türkei, macht aber auf Türke. Dass er nicht Türkisch kann, weiß er dann auch schon mal zu überspielen.
Cems Spezialität ist die Erniedrigung; die ICH-BIN-EIN-NICHTS-UND-WILL-GEDEMÜTIGT-SEIN-PHANTASIE - sein Hauptklientel sind Männer. Es hat mich weiß Gott erstaunt, welche Wünsche an den professionellen Escort herangetragen werden: Natursekt trinken, Vergewaltigung, Haus abfackeln, Fisting-Nummer, Peitschen um nur einige zu nennen. Sexuelle Phantasien, die ausgelebt werden wollen. Es gibt glücklicherweise Dinge, die Cem nicht tut. Dinge, über die nicht gesprochen wird. Höchst erstaunlich für mich auch, welche Kundschaft von Cem beehrt wird: der bayrische Viehzüchter Mitte 60, ein Psychiater, der erpresst werden will, ein Bankangestellter, der ein Erniedrigungs-Video auf dem Personalklo seiner Bank drehen will, ein Anwalt, der als politischer Berater fungiert - in allen Sparten sind Cems Kunden anzutreffen. Auf Messen sind seine Dienste besonders stark nachgefragt.
Cem prangert niemanden an, macht sich aber schon teilweise über seine Kundschaft lustig. Ein sexuelles Kuriositätenkabinett! Nichts Menschliches ist ihm fremd. Ich habe dieses Buch wie gebannt gelesen und konnte stellenweise gar nicht glauben, was ich las. Es tun sich menschliche Abgründe auf. Menschliche Abgründe, die in aller Regel unter den Tisch gekehrt werden. Die Ermordungen von Gianni Versace, Pier Paolo Pasolini und Rudolph Moshammer seien nur als Beispiele genannt für eine Sexualität, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit gelebt wird.
Für Cem wird es immer schwieriger, je älter er wird, seine Rolle vom Machotürken weiterzuspielen. Daher wohl derzeit auch seine Umorientierung und Ausbildung als Heilpraktiker. Den Gang an die Öffentlichkeit mit diesem sehr persönlichen Buch finde ich sehr mutig. Es liest sich leicht. Cem schreibt flüssig und flott. Abschließend zwei Zitate:
"Niemand sieht Männer als Opfer, als verletzliche, sensible Wesen. Ein Mann hat alles unter Kontrolle."
"Wenn man wie ich beruflich fast nur mit Männern zu tun hat, sehnt man sich ab und an nach Weiblichkeit. Das Weibliche fehlt irgendwann. Frauen sind tröstend ..."