Albert Koch, hauptberuflicher Bescheidwisser beim Musikexpress, versucht in seinem vom Titel her nicht gerade bescheiden auftretenden Buch so etwas wie eine Bestandsaufnahme des gegenwärtigen Independent Rock und bestimmter Techno-Sparten. Seine These: Aus Untergrund ist Mainstream geworden, aus einer genuin musikalisch angelegten Protestform ist eine wahre Indie-Kulturindustrie entstanden. Eine Diagnose, die - mal vorsichtig ausgedrückt - so neu nicht ist: Der "Mainstream der Minderheiten" wurde bereits in den 90ern entdeckt. Nun gut, sicherlich hat sich in den letzten fünf Jahren die Omnipräsenz von Indiekultur, wie sie durch z. B. britische Gitarrenbands wie Franz Ferndinand, Bloc Party oder Libertines verkörpert wird, in Zeitgeist-Magazinen (auch dem altbackenen Musikexpress!), Werbung und Mode verstärkt. Dies zu beschreiben ist an sich noch ein ehrenwertes Unterfangen. Das reicht Koch aber nicht, er wittert den Untergang des Indie-Abendlandes. Die 'eigentliche', d.h. künstlerisch bedeutsame und sozial widerständige Indie-Kultur, werde von Trittbrettfahrern, Mitläufern und cleveren Marketing-Typen gefährdet. Dass jede innovative Entwicklung im Bereich der Pop- und Rockkultur sich AUCH über Sekundärphänomen wie Medienhype, Mode und Nachahmertum manifestierte, kann und will Koch nicht einsehen. Ärgerlich an diesem Buch ist der deutschlehrerhafte Missionarston, mit dem Koch sein sicherlich vorhandenes Fachwissen an den Mann bringen möchte. Natürlich muss er den unwissenden Fans erst einmal verklickern, dass ein Album wie Nirvanas "Nevermind" keineswegs zu den 50 besten Alben der 90er gehört. Sein schwachbrüstiges Argument: Wer würde sich denn heute noch die Platte zuhause anhören. Letzteres mag sogar stimmen, aber mit dem gleichen Argument ließen sich Kafka, Mann und Brecht aus dem Literaturkanon des 20. Jahrhunderts entfernen. Der heutige Fan, ein treuloser Geselle: Anstatt sich wie Koch mit philologischer Nüchternheit die Indie-Artefakte im stillen Kämmerlein zur Brust zu nehmen, erlaubt sich der spaßversessene Fan, aus dem quasireligiösen Indie-Ding eine Party zu machen, mit allem, was dazugehört. Dieses flegelhafte Verhalten kann Koch nicht dulden, erzählt den jungen Leuten gerne von seiner eigenen Punk- und New Wave-Sozialisation. Ja, früher, da hörte man Musik, heute feiert man nur noch. Entweder hört man, so Koch, anständig Musik, oder man tanzt. Wenn man tanzt, macht man sich keine Gedanken über die Musik, zu der man gerade tanzt. (S. 123) Sinnlichkeit UND Geschmack kann der verknöcherte Pop-Philologe nicht zusammenbringen! Übrigens entlarvt sich Koch nebenbei noch als kleiner Rock-Chauvi, der den weiblichen Fans ungefähr auf jeder dritten Seite unterstellt, nur auf Konzerte zu gehen, um mit Indie-Sexsymbolen wie Doherty in der Kiste zu landen. Da hat er wohl zu oft den Film über Uschi Obermaier gesehen ...