Ja, was haben wir hier eigentlich vor uns?
In der Tat ein erstaunlicher Roman, den Claudia Kern hier abgeliefert hat.
Wer die Autorin verschiedenster Heftromanserien ein bißchen kennt, der wird sich über das vorliegende Experiment nicht wundern. Die Autorin spielt gern mit den Figuren, setzt sich über bestehende Regeln hinweg und tut mit ihnen oft das, was im guten Sinne Dramaturgie ausmacht: Sie setzt die Figuren Hindernissen aus, die ihren Charakter entwickeln.
So auch hier in dem vorliegenden dritten Hardcover zu einer der langlebigsten Horroserien der deutschen Heftromanserie: Professor Zamorra. Dessen Name wird hier nicht erwähnt, aber das sollte ja auch ausdrücklich nicht der Fall sein. Stattdessen dreht sich die Handlung ausschließlich um einen Bösewicht: nämlich um den von der Autorin erfundenen Vampir Fu Long, der in der Serie schon oft durch sehr unvampirische Charakterzüge aufgefallen ist.
Aber noch etwas anderes kommt in diesem Roman nur im Prolog und auf den letzten Seiten vor: Der Mystery-Faktor.
Ob das den Fans gefällt, ist sicher eine berechtigte Frage.
Auf der anderen Seite muß ich sagen, das Buch hat mir beim Lesen enorm viel Spaß gemacht und das ist schon die wichtigste Berechtigung für ein Buch, die es geben kann. Die Autorin hat sich hervorragend in die chinesische Geschichte eingearbeitet (und für die geschilderten Ereignisse braucht es wirklich enorm viel Vorwissen - hier kann ich nur eine Verbeugung machen vor ihrer sauberen Recherche) und gibt sie adäquat wieder. Und hier eine Kurzzusammenfassung. Fu Long ist im China der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Sekretär eines hohen Regierungsbeamten. Die kaiserliche Regierung jedoch ist korrupt und hat mit inneren Schwierigkeiten zu kämpfen: Hauptsächlich mit der Niederschlagung der Tai-Ping-Rebellen im Tal des Jangtsekiang. Mitten in diesem Szenario entspinnt sich eine Geschichte, in der Fu Long nur eine Nebenrolle zu spielen scheint. Er hat - im Gegensatz zu dem Beamten Li Si-Wen, dessen Sekretär er ist - nicht den Überblick, sondern verläßt sich in guter chinesischer Manier völlig auf die Verantwortung des älteren Vorgesetzten. Er erscheint nicht als der typische Romanheld oder die tragische Figur, sondern als ein sympathischer junger Mann, dem man seine große Liebe und seine Karriere gönnen würde, wäre die Welt doch mit ihm darin sicher ein bißchen besser.
Und doch weiß der Leser - im Gegensatz zu ihm - daß genau das nicht passieren wird: Fu Long ist die Hauptfigur des Buches und seine Geschichte endet tragisch.
Und genau da liegt der Knackpunkt des Romans. Für viele wird das vielleicht der Kritikpunkt sein, für mich jedoch ist das ein genialer Schachzug: Man mag Fu Long und gönnt ihm alles Gute, während man doch unweigerlich weiß, daß das Gegenteil passieren wird.
Man kann sich über das weitgehende Fehlen sämtlicher Mystery und Zauberei in diesem Roman ärgern, aber die Frage wäre hier, warum man das tun sollte. Der Roman ist mit Liebe zu den Figuren und dem Wunsch geschrieben, zu erklären, warum Fu Long so geworden ist, wie er in der Heftserie beschrieben ist: nachdenklich, dem Guten im Gegensatz zu den meisten Dämonen nicht völlig abhold. Er wägt jeden Schritt seiner Handlungen sorgfältig und vernünftig ab, während die anderen Schwarzblütigen oft nur wie von blindem Haß getrieben erscheinen. Ein Punkt, der ihn von den anderen Dämonen der Serie abhebt und wahrscheinlich auch so beliebt gemacht hat.
Der Spagat, den eine Erklärung dieser Figur zwangsläufig erfordert, gelingt der Autorin und darin wird der Roman die Leserschaft sicher auch spalten: Wer Zauberei oder etwas besonders Mystisches hinter der Verwandlung Fu Longs erwartet hat, wurde sicher enttäuscht.
Begeistert dagegen werden diejenigen sein, die eine spannende Geschichte erzählt bekommen wollen, die die Hintergründe einer beliebten Serienfigur auf ganz unerwartete Art und Weise beleuchtet.
Aber warum soll man bei einer Mystery-Serie nicht auch einmal mit dem Unerwarteten rechnen? :-)