Kurzbeschreibung
Gudmundsson erzählt vom Leben seines Großvaters Oláfur, des Seemanns und Trinkers, seiner Großmutter Gúdny und ihrer zehn Kinder. Sie hausen in einem feuchten Kellerloch, Gúdny muß in der Fischfabrik arbeiten, um etwas dazuzuverdienen, und die Kinder werden von der Fürsorge auf Pflegefamilien überall im Land verteilt. Eine Familiengeschichte, die unter die Haut geht und trotzdem voll Witz und Melancholie steckt.
Klappentext
"Gudmundsson zeigt, dass er sowohl über die Urteilskraft als auch über die imaginative, erfindungsreiche Kühnheit eines großen Schriftstellers verfügt."
The Times Literary Supplement
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Über den Autor
1954 in Island geboren, lebt der preisgekrönte Autor zahlreicher Gedichtbände und Romane mit seiner Familie immer noch im Reich der Geysire und Vulkane.
Auszug aus Fußspuren am Himmel. von Einar Mar Gudmundsson. Copyright © 2001. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Großmutter scheint aus der Landgemeinde Reykarhreppur Großvater geradewegs in die Arme gesprungen zu sein. Über eine Stellung in einem eleganten Heim, Unterweisung in Handarbeit schweigen die Quellen,aber irgendwann, als das erste Jahrzehnt des Jahrhunderts weit fortgeschritten ist, geht ein einsames Mädchen mit langem Haar und optimistischer Miene durch die schmutzigen Straßen der Stadt mit ihren heruntergekommenen Häusern. Da spricht sie plotzlich ziemlich großspurig ein junger Mann an, gerade von einem Kutter an Land gekommen. "Wo willst du denn hin?" Das weiß meine Grosmutter nicht. "Dann kommst du mit mir ", sagt er. "Ich finde mich hier zurecht wie die Fische im Meer und die Vögel in der Luft." Großmutter guckt den jungen Mann an. Seine Augen sind geheimnisvoll, als wohnte etwas in ihrer Tiefe.Vielleicht ist er so hingerissen, oder er ist angeheitert vom Schnaps. Sie gehen durch die Stadt, und plotzlich ist meine Großmutter nicht mehr allein. Die Einsamkeit ist in Wind und Wetter zerstoben. Sie lehnt sich an den Mann. Er legt den Arm um ihre Schultern. Deine Augen sind wie Sonnenstrahlen, die in die Tiefe des Meeres fallen, deine Lippen wie gespannte Segel ...
Dann ist der junge Mann verschwunden, hinaus auf See, und Großmutter hat plötzlich angefangen zu warten. Ihr Lächeln folgt ihm über die Wellen; über schroffe Hänge in der Tiefe, wo der Schaum eine Luftspiegelung ist und der Himmel ein grasbewachsenes Dach. Als Olafur an Land kommt, gehen sie durch die Stadt. Hier kennt er jeden Winkel, jede Ecke, und um so besser, je weiter sie nach Westen kommen; dieser ewige Reykjaviker mit Stein unter den Fußsohlen und Wellen, die in seinen Augen fließen, und trunksüchtiger Wurzellosigkeit in der Seele. Er erzählt ihr von seinen Träumen und dem Freund, der im Meer verschwunden ist, zeigt ihr das meergepeitschte Geröll, die Landeplätze und den Schuppen, wo die Ruderboote untergebracht waren, das Meeresrauschen wie Musik, in der gierige Vögel kreischen, in traumlosem Grau, in Freude und Trauer. "Siehst du dieses Haus ", sagt Olafur und zeigt auf ein einstöckiges Haus am westlichen Ende der westlichen Stadtteile. "Ich will, das du hier wohnst." "Allein?" "Nein, ich bleibe bei dir." "Meinst du ...?" "Ja ..." Sie lehnt sich an ihn und ruht in seinen Armen.