Bücher zum Fußball-Land DDR gibt es mittlerweile einige, von Hans Leskes
Enzyklopädie des DDR-Fußballs über das von einigen als "Meisterschuss" gerühmte Werk
Die Geschichte der DDR-Oberliga. Mit Spielerlexikon von Andreas Baingo und Michael Horn bis hin zu Biographien, die sich indirekt ebenfalls mit der Materie beschäftigen, etwa
Trainer zwischen den Welten: Bernd Stange und natürlich insbesondere Jörg Bergers wunderbares Buch
Meine zwei Halbzeiten: Ein Leben in Ost und West.
Mehr durch Zufall bin ich auf Willmanns bereits vor einigen Jahren erschienene Collage (über zwanzig Autoren trugen zu dem Werk bei) gestoßen, die sich mit Statistiken und Tabellen angenehm zurückhält und stattdessen auf knapp 200 Seiten einen hervorragend recherchierten und ungeheuer atmosphärischen Einblick in den Alltag der DDR-Oberligakicker gewährt. Vom speziellen Transfersystem ("Delegierungen") über Gehälter und Handgelder der "Nicht-Amateure" (wenige Monate vor dem Ende der DDR meldete der DFV diesen Status seiner Spieler gegenüber der FIFA an), Lokalderbys und Auslandsspiele bis hin zu Spielerrevolten wie jener in Dresden, als die Kicker Trainer Walter Fritzsch loswerden wollten, greifen die Autoren eine Vielzahl von Themen auf, die in ihrer Gesamtheit ein faszinierendes Mosaik ergeben. Dazu gibt es eine Vielzahl von Fotos und Zeitungsausrissen sowie - in meinen Augen verzichtbar - Vereinslogos und Karikaturen, die das Bild vervollständigen. So erfährt man, dass in der DDR-Oberliga bereits Ende der sechziger Jahre Handgelder von bis zu 20.000 Mark flossen, dass beim Fußballzwerg Stahl Brandenburg fürstliche Gehälter von bis zu 5.300 Mark gezahlt wurden, dass der Magdeburger Erfolgstrainer Heinz Krügel (Europapokalsieger 1974) wegen "ungenügender Entwicklung der Olympiakader" zum Hallenwart degradiert wurde und der aus Thüringen stammende Mittelfeldstar Reinhard Häfner eigentlich schon vor einem Wechsel zum FC Carl Zeiss Jena stand, als ihm der DFV die Pistole auf die Brust setzte: "Nach Dresden oder nach Eggesin!" Eggesin war damals ein berüchtigter Militärstützpunkt in Mecklenburg-Vorpommern.
Der Umstand, dass derart viele Journalisten und Schriftsteller beteiligt waren (darunter Horst Friedemann, Edgar Külow, Annett Gröschner und Wladimir Kaminer), mag die Themenwechsel und die Reihenfolge der Beiträge mitunter als etwas holprig und sprunghaft erscheinen lassen, aber das schmälert den Gesamteindruck nur unwesentlich.
Fazit: Wer sich weniger für exakte Statistiken und mehr für den Alltag der DDR-Oberligafußballer interessiert, wird mit Willmanns Buch bestens bedient.