Blake Edwards hat einen Agenten"thriller" gemacht. Obwohl man ihn nicht nur auf den Regisseur eleganter kalifornischer Party-Alpträume und slapstickartiger Komödien reduzieren sollte, ist ihm "Die Frucht des Tropenbaumes" nicht übermäßig gelungen. Dabei wohnen zwei Seelen in der Brust des Rezensenten - ganz ähnlich erging es übrigens dem Amazonkollegen "TheSilentNoirFreak" bei Edwards'
Der letzte Zug. Offenbar halten sich in beiden Filmen ein unbedingter Stilwille und eine schwache Spannungsdramaturgie in etwa die Waage. Im Falle von "Die Frucht des Tropenbaumes" führt dies zu einer ganzen Reihe von Szenen erlesener Schönheit oder exzellenter Bildkomposition/Montage/Farbdramaturgie. Aber ein schaler Gesamteindruck bleibt dennoch. Das Ganze hätte mehr sein müssen als die Summe seiner Teile, und dies ist es nicht. Filmische Vorbilder sind im positiven Sinne wirkmächtig und im negativen Sinne übermächtig, im Wesentlichen: Hitchcock und Bond. Edwards hat auf die Mitarbeit seines Stammkomponisten Herny Mancini verzichtet und vom Bond-Komponisten John Barry einen sehr Bond-ähnlichen Soundtrack komponieren lassen, eher an die ruhigeren Tracks Barrys als an die in früheren Zeiten pulsierenden Beats der Titelsongs erinnernd. Und er hat Bond-Titeldesigner Maurice Binder einen sehr bond-ähnlichen Vorspann entwerfen lassen, bis hin zu Schrifttyp und Anordnung der Credits. Wobei dieser Vorspann nicht nur atemberaubend schön ist, sondern sich eine gewisse Eigenständigkeit bewahrt: Ruhiger als bei Bond wird es zugehen, es sind klar und deutlich die beiden Hauptdarsteller Julie Andrews (konnotiert mit der Farbe Blau) und der Sowjetagent Omar Sharif (konnotiert mit der Farbe Rot) zu erkennen, und der Vorspann konzentriert sich auf die beiden. Es scheint um ein Pärchen und die Unmöglichkeit zu gehen, in wirrer politischer und persönlicher Lage zusammenzukommen, immer wieder gehen sie aneinander vorbei, auseinander, guckt er ihr nach, aber entschwindet sie. Und dann ist da noch Rot für eine Explosion, Blut, Schmerz und Tod: Ein Auto stürzt eine Klippe herunter, später werden wir erfahren, dass Julie Andrews auf diese Weise Witwe geworden ist und sie dieser Unfalltod gerade deswegen nicht loslässt, weil sie meint, versäumt zu haben, der abgekühlten Ehe erneut Leben einzuhauchen. Ist sie auch deshalb - nicht zuletzt in gewohnt britischer distinguierter Sprechweise - eine berührende Mischung aus zurückhaltend, manchmal abweisend, und sehnsuchtsvoll? Jedenfalls wird sie in eine Beziehung zu dem von Omar Sharif gespielten Sowjetagenten hereingezogen, bis bald niemand mehr weiß, wer wem trauen kann. Da passt es ganz gut, dass Edwards auch ausgiebig Hitchcock zitiert. Die langen Passagen gegen Ende, in denen wenig gesprochen und viel einander langsam verfolgt wird, erinnern an die dialoglosen entsprechenden Passagen aus "Vertigo". Dass hier niemand seinen Augen trauen kann, zeigt sich an dem ebenfalls aus "Vertigo" bekannten Credit-Auge, mit dem Maurice Binder seinen Vorspann beginnt, um dann zu offenbaren, dass es zu Julie Andrews' Gesicht gehört. Und wie um zu zeigen, dass man in den Mühlen des Geheimdienstes ständig zermalmt zu werden droht, läuft im Fernsehen einmal die Mühlenszene aus Hitchcocks "Der Auslandskorrespondent".
Na - und das alles klingt gar nicht schlecht? Nein, der Film-Detektiv und Bildanalytiker hat in der Tat seine Freude zu sehen, wie der Edwards hier mit seinen Vorbildern umgeht. Auch Hitch hat sich im Grunde nie für die politischen Hintergründe interessiert, sondern mehr für das, was Menschen wegen McGuffinesker Staatsgeheimnisse bereit sind zu tun und wie sie andere Menschen und deren Gefühle wie Schachfiguren hin- und herschieben. So ist das auch im vorliegenden Film, bei dem eine schöne, durchdachte, aber ein bißchen zu penetrante Farbdramaturgie die grobe politische und nicht ganz so grobe Gefühlslage illustriert. Fast wie in den alten Bundeswehrzeiten, in denen es Manöver zwischen "Rotland" und "Blauland" ab, ist hier vieles, was die Sowjets und ihre Einflusssphäre umgibt, rot, und der Deckname des in Wahrheit für die Sowjets spionierenden britischen Doppelagenten ist "blau". Julie Andrews' Wohnung ist interessanterweise eine Mischung aus Rosa und Rot, eigentlich arg gewöhnungsbedürftig aber hübsch die Möglichkeit der Beeinflussbarkeit ihrer Bewohnerin andeutend. Auch an anderen Orten, an denen die Frage der Beeinflussbarkeit im Raum steht, dominiert rot, das Blau kommt wesentlich unauffälliger und subtiler (daher gefährlicher?) ins Bild (achten Sie einmal auf Einstecktücher). Auf der Haben-Seite hervorzuheben ist schließlich der Umgang mit Metaphern, vor allem derjenigen des Filmtitels. Der Samen (nicht die Frucht!) des Tropenbaumes habe nach einer Sage die Gestalt eines menschlichen Schädels, weil an ihm einst ein Unschuldiger aufgeknüpft wurde. Macht man Bäume (und Menschen) zum Objekt von Machenschaften und Ränkespielen, so tragen sie ihre Spuren davon - das Objekt will und wird Subjekt sein und lässt nicht alles mit sich machen; so wird der "menschlich" gewordene Samen (ohnehin ein Symbol des keimenden Lebens) zum hoffnungsvollen Zeichen, dass unser Liebespärchen mehr als nur Schachfiguren sein könnte.
Warum also nur drei Sterne? Gelegentlich liegt die Last der filmischen Vorbilder wie erdrückendes Blei auf dem Film, der sich nur selten zu einem eigenständigen Werk entfalten kann und insgesamt auch zu lang und streckenweise langatmig geraten ist. Es scheint, als passe sich Edwards über Gebühr im Stil dem Inhalt an: Nur weil in der Welt der Geheimdienste ein wirres Figurengeschacher angeprangert werden soll, muss ein Film nicht selbst eine teils wirre Figurenvielfalt aufweisen. Auch wenn alles am Ende zu einer stimmigen Auflösung geführt wird, droht gelegentlich die Emotion und die Spannung in der Anstrengung unterzugehen, die der Zuschauer beim Mitverfolgen des "wer will was von wem warum" aufwenden muss. Man findet immer wieder gute Einzelszenen (und Bildarrangements, wenn z.B. am Ende schon im Hintergrund ganz klein die Gefahr bringende Yacht zu sehen ist), aber man wird nicht ausreichend bei der Stange gehalten. Ich konnte daher Einzelheiten des Films sehr schätzen, ihn aber insgesamt nicht mögen. Er ist in Teilen intellektuell überzeugend, aber ihm fehlt, worauf es in der Geschichte doch ankommen soll: Herz und Gefühl, Romantisches wie Spannendes. Edwards hat nur Einzelheiten wie Mosaiksteinchen seiner Vorbilder kopiert, erreicht aber nie das Ganze, weder die Action von Bond noch den Suspense von Hitch. Und weil er so eklektizistisch arbeitet, auch nicht die traurig-lustig-schöne-bittere Eleganz eines typischen Blake-Edwards-Filmes.
Schade - Julie Andrews ist auch hier in ungewohnter Rolle einen Blick wert (und man unke mir nicht, dass Edwards die Rolle niemals seiner Ehefrau hätte geben dürfen). Der Ägypter Omar Sharif hat mich mit dunklem Teint weniger glaubhaft den Russen geben lassen - vielleicht, weil der Film nicht so offenherzig Kunstwelt ist wie der in der Vergangenheit spielende "Doktor Schiwago". Daneben ist Oscar Homolka ein alter Sowjetgeneral mit wuchernden Augenbrauen à la Breschnjew, und es gibt viele, ein bißchen zu viele jeweils für sich interessante Nebenfiguren, doch in der Gesamtheit lenkt das zu sehr von Spannung und emotionaler Glaubwürdigkeit ab. Auch ist Sharif ein bißchen zu archetypischer Charmeur, als dass die Andrews sich glaubhaft in ihn verliebt, zumal sie wie gesagt wegen Vergangenem versucht, sich einen Schutzpanzer anzulegen. Ein Film, der "interessant" ist, und das Kompliment ist genauso vergiftet gemeint, wie es klingt.
Die DVD-Edition ist etwas seltsam, es hätte im Grunde nicht zweier Scheiben bedurft. Auf Disc 1 findet sich die 100-minütige deutsche Version in Deutsch und Englisch (dt. Untertitel nicht ausblendbar), auf Disc 2 die 120-minütige Originalversion in Englisch (dt. Untertitel ebenfalls nicht ausblendbar). Warum man nicht einfach dem Original zu seinem Recht verholfen hat und die zusätzlichen 20 Minuten unsynchronisiert gelassen hat, ist mir ein Rätsel. Der Vergleich der Versionen zeigt, dass gewisse Kürzungen dem Film ganz gut tun, bloß ein Mal ist es sinnentstellend: Die Erklärung, dass Julie Andrews' Ehe vor dem Unfalltod abgekühlt war, fehlt in der deutschen Version, dergestalt wird sie zur um den Mann trauernden Witwe und kommt ihre komplexere, oben beschriebene seelische Verfassung nicht angemessen zum Ausdruck.