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Interview mit Phil Rickman
Auf der Insel längst eine Kultserie, erobern die Merrily-Watkins-Romane nun auch den deutschen Sprachraum: Soeben ist mit „Frucht der Sünde“ der erste Band der Reihe erschienen. Im Amazon.de-Interview stellt Autor Phil Rickman seine Heldin vor und erklärt, warum diese ermittelnde Pfarrerin in keine Schublade des Krimigenres passt. Und auch die mystische Bedeutung des Apfels wird beleuchtet…
Frage: Ihre Ermittlerin Merrily Watkins ist in Großbritannien schon ein echter Star. Wie würden Sie Ihre Heldin bei den deutschsprachigen Lesern einführen?
Phil Rickman: Nun, sie ist nicht gerade so, wie man sich eine typische Pfarrerin in Diensten der Church of England vorstellt. Sie ist alleinerziehende Mutter, raucht und bedient sich oft einer Sprache, die nicht unbedingt biblisch zu nennen ist. Sie ist nicht frömmlerisch, sie hält sich mit Urteilen über andere Menschen zurück, und sie ist fehlbar. Letztlich ist sie ein normaler Mensch, der allerdings einen ungewöhnlichen, schwierigen und oft gefährlichen Job übernimmt.
Frage: In „Frucht der Sünde“ hat Merrily nicht nur die Alltagsprobleme einer modernen Frau und einige Todesfälle zu gewärtigen, sie bekommt es auch mit paranormalen Phänomenen zu tun. Welche Rolle spielen diese innerhalb der Geschichte? Und wie würden Sie ganz allgemein Ihre Haltung zu solchen Phänomenen beschreiben?
Phil Rickman: Es gibt für einen Autor kein riskanteres Thema als paranormale Phänomene. Geht man zu weit, gilt man als Verfasser von Horror-Romanen – was ich nicht sein wollte. Ich wollte mich dem Unerklärten auf eine authentische, ambivalente Weise nähern – wie einem dünnen Lichtschein, der durch eine nur leicht geöffnete Tür in einen Raum dringt. Es ging mir darum zu schreiben, wie diese Phänomene im wirklichen Leben vorkommen – und ich glaube tatsächlich, dass sie vorkommen. Und ich bin froh darüber, denn ich glaube, dass es Unerklärliches geben muss, damit wir bei Verstand bleiben.
Aber ich schreibe nicht wie Stephen King. Die Merrily-Watkins-Romane sind Krimis, die mir den Zugang zu Bereichen ermöglichen, in denen sich Paranormales und Psychologie begegnen. Ich wollte eine besondere Krimi-Reihe schaffen, eine wie es sie auf dem Markt noch nicht gibt. Zu meinen Lesern gehören Christen ebenso wie Heiden und bekennende Atheisten – und sie alle scheinen meine Bücher zu mögen.
Frage: Man kann durchaus den Eindruck gewinnen, dass nicht Merrily, sondern der Obstgarten von Ledwardine der eigentliche Star des Buches ist. Ohne zu viel zu verraten: Warum ist er so bedeutsam?
Phil Rickman: Das Buch beginnt mit Äpfeln. Ein Apfel gehört zum Emblem des Bezirks Herefordshire, in dem die Krimis der Reihe spielen. Der Anbau von Äpfeln und die Produktion von Cider spielen hier schon seit der Römerzeit eine große Rolle, und bis heute gibt es Hunderte von Gärten mit Apfelbäumen. Mich hat die besondere Folklore, die sich um Äpfel entwickelt hat, fasziniert. So gibt es sicher nicht viele, die wissen, dass im Zentrum eines Apfels, den man quer in zwei Hälften teilt, ein fünfstrahliger Stern, ein Pentagramm also, zum Vorschein kommt. Irgendwie ist ein Apfel auf eine Weise mystisch, auf die es Orangen und Bananen einfach nicht sind. Und bevor ich mit der Arbeit an diesem Buch begann, hatte ich keine Ahnung, was für ein eigentümlicher und faszinierender Ort ein Garten mit Apfelbäumen sein kann…
Frage: Auch das 17. Jahrhundert und die „Tradition“ der Hexenverfolgung spielen eine wichtige Rolle in Ihrem Buch. Inwiefern wirkt diese Vergangenheit in der Gegenwart der Bewohner Ledwardines weiter?
Phil Rickman: Ledwardine sieht – wie viele Dörfer entlang der walisischen Grenze – immer noch ziemlich genauso aus wie vor drei- oder vierhundert Jahren. Und da die Besiedlung in dieser Gegend, verglichen mit anderen ländlichen Regionen Großbritanniens, immer noch recht dünn aus, verschwindet die Vergangenheit auch nicht. Es gibt Familien, die hier schon seit vielen Generationen leben, und alte Fehden bestehen bis heute weiter. Außerdem findet man hier auch Außenseiter, die in Gegenden wie diese ziehen, sich für die Vergangenheit interessieren und alte Traditionen wieder aufleben lassen möchten – und dabei Dinge zu Tage fördern, von denen die Einheimischen lieber hätten, dass sie vergessen blieben. Eine solche Begegnung kann, wie in diesem Roman, tödlich sein.
Frage: Sie schreiben, dass Sie eine „Welt der Ambivalenz, der Unsicherheiten und der Paranoia“ beschreiben wollten und daher auf eine Pfarrerin als Protagonistin kamen. Inwiefern ist das, was Merrily Watkins in ihrem Beruf erlebt, charakteristisch für unsere Zeit und insbesondere für die Religiosität von heute?
Phil Rickman: Krimihelden, ob männlich oder weiblich, sind meist Einzelgänger, die oft auch auf ihre Weise gegen das System kämpfen. Vor einigen Jahrzehnten hätte man sich in dieser Rolle wohl kaum einen Priester vorstellen können. Aber in der säkularen Gesellschaft von heute schrumpfen die Gemeinden, Priester stehen mit dem Rücken zur Wand. Hinzu kommen Konflikte innerhalb der Kirchen zu Themen wie der Ordination von Frauen, homosexuellen Bischöfen usw. Insofern kämpft Merrily an vorderster Front in einer Welt, in der – vielleicht zum ersten Mal überhaupt – Glaubenssysteme öffentlich auf den Prüfstand gestellt werden. Außerdem leben wir in einer Welt gefährlicher Extreme: Merrily bekommt es in meinen Romanen mit Fundamentalisten, Fanatikern und Freimaurern ebenso zu tun wie mit militanten Atheisten.
Und dann gibt es da natürlich noch Merrilys Tochter Jane, die Teenager und eher zu den Heiden zu zählen ist. Einfach ist in diesem Haushalt gar nichts.
Aber bitte kommen Sie jetzt nicht auf die Idee, dies sei eine „religiöse“ Roman-Reihe! Ich schreibe relativ dunkle Krimis, in denen es auch um Religiöses und Paranormales geht.
Frage: Ob Sherlock Holmes, Miss Marple, Linley oder Barnaby – britische Ermittler erfreuen sich gerade auch in Deutschland größter Beliebtheit. Was, glauben Sie, macht den Erfolg britischer Krimis gerade hierzulande aus?
Phil Rickman: Schwer zu sagen. Vielleicht ist es ja so, dass Sherlock Holmes einfach der erste bedeutende Krimiheld war und das Muster, das Conan Doyle für seine Holmes-Geschichten geschaffen hat, bis heute das Genre bestimmt.
Bei britischen Krimis gibt es eine klare Unterscheidung zwischen realistisch geschilderten Polizisten auf der einen und eher ungewöhnlichen Ermittlertypen wie Sherlock Holmes oder Miss Marple auf der anderen Seite. Selbst Linley ist im Grunde ein extrem „unrealistischer“ aristokratischer Cop: Er scheint übers Land zu fahren und in einer Weise ermitteln zu können, wie man es seit ungefähr 50 Jahren nicht mehr gemacht hat.
Ich befürchte, Merrily passt in keine dieser Kategorien. Sie ist eigentlich noch nicht einmal irgendeine Art von Detektiv, durch ihre Rolle als „Erlösungsbeauftragte“ ihrer Diözese, oder sagen wir: Exorzistin, schlittert sie in die Ermittlungen hinein. Ich habe diesen Punkt gründlich recherchiert, mit einigen Exorzisten gesprochen, und die haben mir tatsächlich bestätigt, dass sie gelegentlich von der Polizei um Rat gefragt werden. Demgegenüber habe ich lediglich „erfunden“, dass Merrily dies mit einer gewissen Regelmäßigkeit passiert. Aber, wenn man ehrlich ist: Wie viele professionelle Ermittler haben es mit solch faszinierenden Mordfällen zu tun, wie sie den „Kollegen“ Morse oder Rebus unterkommen?
Frage: Werden Sie Merrily Watkins weiter treu bleiben? Worauf dürfen sich die Leser als Nächstes freuen?
Phil Rickman: Im Herbst wird die deutsche Ausgabe des zweiten Romans der Merrily-Watkins-Reihe erscheinen, in dem Merrily offiziell zur Exorzistin von Hereford ernannt wird. Und dann dürfen sich die Leser auf acht weitere Romane mit Merrily freuen. Und die nächste ganz neue Folge habe ich für 2010 geplant. Übrigens: Als ich damals an „Frucht der Sünde“ arbeitete, hatte ich nicht geplant, eine Serie anzulegen, es hat sich einfach so entwickelt. Und ich glaube, die Reihe hat nichts von ihrer Frische verloren – vor allem, weil es einfach nichts Vergleichbares gibt, ich habe also „freie Bahn“.
Die Leser identifizieren sich mittlerweile so sehr mit den Charakteren, dass ich die Reihe jetzt eigentlich nicht einstellen kann. Da Ledwardine einem wirklich existierenden Ort nachempfunden ist, hat sich entlang der walisischen Grenze ein regelrechter „Merrily-Tourismus“ entwickelt. Und gerade haben wir eine CD mit Liedern von Merrilys Freund, dem Sänger Lol Robinson, veröffentlicht. Auf ihr sind dann aber wirklich „echte“ Menschen zu hören.
Die Fragen stellte Carsten Hansen, Literaturtest.
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