Was ist aber, wenn jemand eine falsche Entscheidung trifft, die das relativ normale Leben von ihm und seiner Freundin ins Verderben führt?
Davon handelt der Debutroman "Frost" von John Rector, der im Juli 2010 unter dem Titel "The Cold Kiss" in Amerika veröffentlicht und nun vom Rowohlt-Verlag ins Deutsche übersetzt wurde.
Der Autor erzählt die Geschichte von Nate und Sara, die im Winter in einem Lokal an einer Tankstelle sitzen und einen hustenden, kränkelnden Mann beobachten. Besagter Mann spricht die Beiden an, ob sie ihn für 500 Dollar mit dem Auto mitnehmen könnten, da ein Jahrhundert-Blizzard die Gegend heimsucht und er mit seinem Auto stehen geblieben ist. Nate und Sara willigen ein. Bei der Fahrt dämmert der Mann weg. Als die drei sich, aufgrund des Sturms, zu einem Motel retten können, lässt sich der Fremde nicht mehr wecken, denn er atmet nicht mehr und Nate und Sara entdecken eine Schusswunde unter seinem Hemd. Hinzu kommt eine große Menge Geld, die sie unter den Habseligkeiten des Mannes finden. Sie nehmen es an sich und damit beginnt für die Beiden eine wahre Tour de Force.
John Rector vermag es gleich zu Beginn die Charaktere so zu kreieren, dass der Leser direkt in die Handlung involviert wird. Nate und Sara sind einem sympathisch und man fiebert mit ihnen mit. Zu keiner Zeit wirkt das Verhalten auf die wechselnden Gegebenheiten unwirklich und nicht nachvollziehbar, was mir persönlich bei einem gut geschriebenen Thriller immer sehr wichtig ist. (Ausnahmen wir Richard Laymons Bücher bestätigen hier die Regel.)
Ebenfalls toll ist die dichte Atmosphäre in dem Motel, in dem die Handlung ab Seite ca. 50 spielt. Als ich den Klappentext las, habe ich eine Art brutales Roadmovie erwartet. Dem war aber nicht so. Dennoch ist die Absteige und deren Umgebung für den Leser greifbar und plastisch.
Besonderes Lob verdienen aber die gekonnten und flott zu lesenden Dialoge, die einen Großteil des Romans ausmachen. In "Frost" wird sehr viel miteinander gesprochen. Viele Autoren haben aber kein großes Talent den Austausch von Meinungen zwischen ihren Protagonisten zu vermitteln, wozu John Rector absolut nicht zählt. Seine geschilderten Gesprächen sind spritzig und flüssig.
Hinzu kommt, dass der Verfasser den Leser mit einer Wendung nach der anderen überrascht und die Geschichte dadurch in völlig neue Richtung manövriert. Dabei hat man aber nie den Eindruck, dass ihm die Zügel entgleiten und er nicht mehr weiß, was er uns erzählt.
Die Geschichte ist jedoch moralisch gesprägt: Die Frage, wann ein Mensch den Pfad der Moral und der Ethik verlässt und sich der Gier hingibt, ist häufig präsent, aber nicht klischeehaft. Ebenso stellt sich der Leser die Frage, ob man selbst so gehandelt hätte, wie die Protagonisten bzw. Antagonisten. Bei dieser zu vermittelnden Moral schwingt John Rector aber zu keiner Zeit die ethische bzw. moralische Keule, sondern lässt den Leser selbst denken.
Aufgrund des zwar blutigen, aber für mich als geübten Thriller-Lesers unspektakulären Endes und der unüberraschenden Auflösung, erhält "Frost" von mir lediglich vier Sterne. Dennoch ist es ein geradliniges, spannendes und stringend verfasstes bzw. toll geschriebenes Buch, das hoffen lässt, dass hier ein Autor entdeckt wurde, von dem man noch einiges zu lesen erwartend kann.
Schließen möchte ich mit einem Zitat aus dem Buch, das mir sehr gefallen hat:
"Am Ende kriegt man immer das, was man sowieso gekriegt hätte. Die Frage ist nur, wie man damit umgeht." (S.34)