Neue Zürcher Zeitung
Auch «fromme» Gewalt
bleibt unverständlich
V. G. Die Haltung eines Psychoanalytikers, der mit «gleichschwebender» Aufmerksamkeit sowohl das Gute wie das Böse auf sich zukommen lässt, um das Unfassbare durch Deutung fassbar zu machen, kommt dem indischen Psychoanalytiker Sudhir Kakar bei seinem Versuch zu Hilfe, Ursachen und Zusammenhänge der immer wiederkehrenden brutalen Gewaltsausbrüche zwischen Hindus und Muslimen in seinem Land zu analysieren. Seine Vorgehensweise ist zwar nicht so zielgerichtet, wie man es von westlichen Autoren her gewohnt ist man wird durch ein farbiges, «orientalisches» Nebeneinander von Familiengeschichten, mythologischen, soziologischen, historischen und politischen Betrachtungen, Persönlichkeitsanalysen und Reden von politischen Führern mit dem Thema konfrontiert , aber gerade das schafft Raum zum notwendigen eigenen Denken. Wohl bietet der Analytiker Ansätze zur Erklärung von Gruppenbildungsmechanismen und Gewalt an, doch lassen sich seine aus den sehr komplexen indischen Verhältnissen gezogenen Schlüsse nicht ohne weiteres verallgemeinern. Am Ende des Buchs ist man dank der kritischen Distanz des Autors zum Thema aber um einige Einsichten reicher. «Verstehen» lässt sich «die Gewalt der Frommen» trotzdem nicht.
Kurzbeschreibung
Der indische Psychoanalytiker Sudhir Kakar, mit der Gewalt zwischen Hindus und Muslimen konfrontiert, ist der immer mehr bedrängenden Frage nachgegangen, wie es zu Gewaltausbrüchen, zu Mord und Totschlag zwischen unterschiedlichen Glaubensgruppen oder ethnischen Gemeinschaften kommen kann.