"From Hell", ja, von da scheint der Film zu kommen. Meiner Meinung nach wurden die düsteren Abgründe Londons, der Zynismus der höheren englischen Gesellschaft und die Menschenverachtung der britischen Monarchie noch nie derart schonungslos offengelegt. Der Film ist Horrorfilm und Gesellschaftsstudie zugleich (um die Authenzität zu unterstreichen, wird sogar der Fall des "Elefantenmenschen" auf geschickte Weise angerissen). In dunklen Bildern schildert der Streifen das Elend auf den Straßen Whitechapels, wo vom Leben gezeichnete Frauen dem horizontalen Gewerbe nachkommen (daß die hübsche Heather Graham da irgendwie nicht reinpassen will, ist der Minuspunkt des Films). Straßengangs und Zuhälter machen ihnen zu schaffen. Doch nicht genug: in den höchsten Kreisen werden die Fäden einer unglaublichen Verschwörung gesponnen, deren Protagonisten so bieder wie böse sind. Jack The Ripper, dargestellt als gutgekleidetes, gesichtsloses Monster mit dunkler, furchteinflößender Stimme, beginnt sein blutiges Handwerk. Sein Auftrag: die Zeuginnen eines politisch höchst brisanten Vorganges müssen eliminiert werden. Johnny Depp (Abberline) und Robbie Coltrane (Godley) brillieren als ungleiches Polizistenduo, das dem Schlitzer auf den Fersen ist. Hilfreich sind dabei die Drogenvisionen des süchtigen Abberline, der hofft, dem Killer dadurch auf die Spur zu kommen. Langsam, aber sicher gelangen sie hinter das Komplott, das im Buckingham Palace ausgeheckt worden ist. Angezettelt wurde die Sache vom Orden der Freimaurer. Als der Ripper entlarvt wird, stellt sich heraus, dass er zwar ein loyaler Diener der Krone ist, inzwischen aber über seine Taten total den Verstand verloren hat. Er betrachtet sich inzwischen selbst als Werkzeug der Geschichte, als "Energie und Bestimmung" und triumphiert: "Eines Tages wird die Menschheit zurückblicken und sagen, daß ich das 20. Jahrhundert eingeleitet habe!" Die Szene, in der Depp den Killer stellt, ist von einzigartiger Intensität und Kraft. Doch alles ist vergebens: am Ende siegt die Staatsräson. Nachdem er seine Aufgabe erfüllt hat, wird der Ripper von den Freimaurern selbst aus dem Verkehr gezogen. Seine Identität gelangt nie an die Öffentlichkeit, die Affäre ist hiermit erledigt. Das britische Königshaus ist bestimmt "not amused" über die Art, wie es hier dargestellt wird. Aber egal. Glaubwürdig ist die Lösung allemal, wenn sie auch bestimmt von vielen angezweifelt wird. Die Leute mögen deswegen keine Verschwörungstheorien, weil sie das Gefühl des Ausgeliefert-Seins nicht ertragen können. Genau dieses Gefühl erzeugt "From Hell". Was zählen Menschenleben, wenn der Staat in Gefahr ist? In einer brillanten Szene fragt der panikerfüllte Mörder-Komplize Netley den Ripper, wo sie sich befänden. Und der Ripper antwortet: "In der Hölle, Netley, wir sind in der Hölle!" Genau da sind wir. Dieser Film zeigt es einmal mehr.