Auf Grund ihrer Beliebtheit hatte sie längst einen unumstrittenen Platz in der Gegenwartskultur erreicht, doch für Joan Baez war nach der großen Zeit der Folkmusic und des Protestsongs nicht ersichtlich, wohin nun ihre musikalische Entwicklung gehen könnte. Mitte der Siebzigerjahre brachte sie eine Reihe von professionellen Studiomusikern für eine Tournee zusammen, bei der dieser eindrucksvolle Konzertmitschnitt entstanden ist. Stilistisch verbindet "From Every Stage" Folksongs ("Joe Hill", "Ballad of Sacco and Vanzetti") und Gospels ("Swing Low, Swing Chariot", "Oh, Happy Day", "Amazing Grace"- in krassem Gegensatz zu Leonard Cohens "Suzanne", übrigens) mit eigenen Kompositionen ("Blessed Are", "Lovesong to a Stranger") sowie mit Cover-Versionen zeitgenössischer Titel ("Please Come to Boston", "Lily, Rosemary and the Jack of Hearts"), und schließt damit wohl schon den Kreis zur Popmusik ("Diamonds & Rust").
Ich selber mag Konzerte am liebsten, bei denen die Künstler nicht allein ihre Setlist abtragen, sondern die aufgeführten Nummern mit einigen einleitenden Bemerkungen kommentieren. Wer nicht bloß Musik zum Zurücklehnen sucht, wird deshalb mit diesem Album zufrieden sein können. Joan Baez gelingt es, die ganze Aufmerksamkeit ihres Publikums zu gewinnen, etwa wenn sie das Stück "Natalia" mit sehr zu Herzen gehenden Worten zum Schicksal der russischen Dichterin und Dissidentin Natalia Gorbanevskaja einleitet, die von den sowjetischen Machthabern immer wieder gefangen genommen, für verrückt erklärt und weggeschlossen wurde, sich aber nie brechen lassen hat und nach ihrer Freilassung immer wieder zu schreiben begann. Oder, um nur ein weiteres Beispiel zu nennen, wenn sie mit großer emotionaler Beteiligung über ein Pferd spricht ("Stewball"), das auf der Rennbahn starb.
Zweimal habe ich Joan Baez live erlebt und war beeindruckt von ihrem Charme, ihrer Menschlichkeit, ihrem tadellosen Fingerpicking und ihrer weithin einzigartigen Stimme (Atem beraubend bei Bob Dylans "Forever Young"). Allein an der Gitarre oder von einer hervorragenden Band begleitet weiß sie mit einer breiten Palette von Songs zu überzeugen. Dieses Live-Album gibt einen sehr guten Eindruck davon, wie die Künstlerin den großen Erwartungen ihres breiten Publikums gerecht zu werden versteht.