Die Melodic-Powermetalband Avian aus den USA dürfte vor allem Balance-of-Power-Fans interessieren, denn deren Ex-Sänger Lance King ist das bekannte Aushängeschild der Truppe, neben Basser David Ellefson (Ex-Megadeth, Soulfly), der als Sessionmusiker die tiefen Saiten auf dem Debütalbum "From the Depths of Time" gezupft hat. Gute Namen stehen aber nicht immer für gute Qualität - insgesamt ist das musikalische Ergebnis nämlich leider nur Durchschnitt. Die 55 Minuten Spielzeit und 10 Songs (plus ein Intro und zwei atmosphärische Überleitungsstücke) bestehen aus gradlinigem Power Metal, der ohne geistreiche Einfälle oder sonderliche Spritzigkeit vor sich hin dümpelt; dazu ist der Sound ziemlich bieder und roh. Den offensichtlich gern kopierten klassischen Vorbildern wie Gamma Ray, Iron Maiden oder Judas Priest kann man damit keine ernsthafte Konkurrenz machen - zu abgelutscht wirkt das Heavy-Metal-Riffing simpelster Manier. Trotzdem bietet ein Großteil der Songs schon vom Intro an ordentliche Hooklines, die recht schnell ins Ohr gehen, wie z.B. der hymnische Refrain von AS THE WORLD BURNS oder der supereingängige Mitsing-Chorus des richtig guten Rockers FINAL FRONTIER, der als einziger Song ein wenig an Balance of Power erinnert. Düster schwere Metalatmosphären und dazu irre hohe Gesangslinien, zumindest in den beeindruckenden Backings, erinnern bei BLACK MASQUERADE oder SINGLE BLADE OF VENGEANCE schon mal an Crimson Glory oder Judas Priest zur Zeit mit Ripper Owens am Mikrofon. Richtig gute Ansätze werden aber durch technische Magerkost im Ansatz zerstört. Nicht nur, dass die schmierigen Gitarren mit unausgegorenem Mix und Produktion den Gesang eines der markantesten Sängers des Genres gnadenlos in den Hintergrund drängen; spätestens nach ein paar Takten werden zudem auch die monotonen Riffs langweilig. Noch schlimmer ist der schwache Sessiondrummer, der komplette Strophen, Bridges oder Soli mit Double Bass durchballert, ohne nach links und rechts zu schauen, oder variationslos immer das gleiche Becken zwei Mal pro Takt anhaut - hier wird die Power einer Heavy-Metal-Band ungestüm und unpräzise angewandt. Auch das Songwriting lässt teilweise zu wünschen übrig. So beginnt TIME AND SPACE PART I - CITY OF PEACE vielversprechend mit spannenden Clean- und Akustikgitarrenparts - Strophe und Chorus präsentieren dann aber eine richtig einfallslose, flache Gesangsmelodie, deren Töne man locker an einer Hand abzählen kann. Die Soli auf dem Album teilen sich Keyboarder Jonah Weingarten, der mit Lance King auch zusammen bei Pyramaze spielt, und Gastgitarrist Roger Moore, ein alter Bekannter von King, mit dem er in den 90ern bei Gemini zusammen Musik machte. Mit den guten, aber unspektakulären Frickeleien gewinnt man zwar den Stadtfest-Wettbewerb, aber nicht gerade den Inspirationspreis der internationalen Metalszene. Und so kann man sich auch zur gesamten Musik von Avian mit zwei, drei Bier live bestimmt ganz ordentlich headbangen - fürs heimische CD-Regal gibts aber besseres, insbesondere für Balance-of-Power-Fans, die eine ganz andere Qualität gewohnt sind und bei Avian zudem so gut wie keine 'Prog'-Trademarks oder technisch in sonstiger Weise herausragendes antreffen. Ein wenig mehr Talent wäre wünschenswert, dafür weniger Gimmick; bombastische Keyboardatmosphären und imposantes Plattencover sind halt nur die Oberfläche des Gesamtwerks - und Gitarrist und Bandgründer Yan Leviathan ist auch bestimmt nicht mit diesem Namen zur Welt gekommen. Für Balance-of-Power-Fans lässt sich schon eher eine andere Band von Lance King empfehlen, nämlich die dänisch-amerikanische Koproduktion Pyramaze. Diese Jungs gehen mit leichten Prog-Anleihen in Richtung Speed-Metal, stellen Lance Kings Stimme mit einer guten Produktion in den Vordergrund und haben handwerklich mehr drauf als Avian.