Ich kann mich noch sehr genau an diesen Tag im Frühling 1998 erinnern - ich radelte an einer Ankündigung von Tori Amos neuem Werk vorbei und dachte mir: "Jetzt wird alles wieder gut!". Mir ging es zur damaligen Zeit nämlich ziemlich mies und ich suchte nach jedem Strohhalm. Und die Vorgängeralben, vor allem "Boys for Pele", hatte ich inniglich geliebt.
Als ich dann aber "From the Choirgirl Hotel" in meinen CD-Spieler legte - das Cover hatte mich schon stutzig gemacht - bin ich richtig erschrocken: ein düsteres, dunkles Wesen betrat den Raum, Panik und Unruhe machten sich breit. Tori war nicht wiederzuerkennen. Ich musste die Platte so schnell wieder aus dem Player entfernen, dass ich nicht mal bis zu "Jackie's Strength" kam. Ich fürchtete mich so vor diesem Album, das meine eigene Verunsicherung in unglaublichen Maße verstärkte, dass ich es mehrere Jahre lang nicht anrührte ...
Per Zufall stolperte ich nach einiger Zeit über das Video zu "Jackie's Strength", verliebte mich in das Lied und entdeckte zu meinem Erstaunen, dass es sich auf dieser mir so verhassten Platte befand, die zum Symbol für meine depressive Phase geworden war.
Langsam tastete ich mich vor - und lernte dieses Werk von Tori auf einmal unglaublich schätzen. Als ich "Playboy Mommy" hörte, liefen mir fast die Tränen herunter und ich schauderte: denn auf einmal erkannte ich, wieso dieses Werk so düster war. Tori hatte ein ungeborenes Kind, wohl ein Mädchen verloren. Und diese Trauer prägt das ganze Album.
Zum ersten Mal tritt bei Tori der Bösendorfer Flügel in den Hintergrund und technischere Klänge machen sich breit. Bei machen Songs kommen fast techno-artige Beats dazu, wie bei "Rasberry Swirl" - möglicherweise gefördert durch den Erfolg der Dancefloor-Verwurstung von "Professional widow" aus dem "Boys for Pele"-Album".
Eigentlich wollte ich zuerst keine 5-Punkte geben, da manche Songs doch irgendwie unausgegoren klingen ... doch gibt es sicherlich sehr wenige Musik-Alben zu denen ich ein so persönliches Verhältnis entwickelt habe wir zu "From the Choirgirl Hotel" von Tori Amos. .... Gottlob hat sich Tori von ihrer düsteren Phase erholt - und ich auch.