Es ist sehr lobenswert und war längst überfällig, dass man dem vermutlich bedeutendsten Bauingenieur des 20. Jahrhunderts eine literarische Würdigung erweist. Sein bis heute noch nachwirkendes Renommée verdankt er vor allem der Erfindung der Betonnadel - Fernsehtürme mit drehbaren Restaurants, die bis heute weltweit viele Stadtbilder prägen. Der erste Turm dieser Bauart war der Stuttgarter Fernsehturm auf dem Hohen Bopser.
Darüber hinaus erfand er das Taktschiebeverfahren, durch welches der Bau von Brücken rationalisiert werden konnte. Auch im Bereich von Fugen und Brückenlagern erbrachte Leonhardt Pionierleistungen. Leonhardt erkannte aufgrund eines Berichts in "Readers' Digest" aus dem Jahr 1959 die Bedeutung des reibungsarmen Kunststoffs Teflon und nutzte diesen für das von ihm danach erfundene Gummitopf - Gleitlager mit Teflon auf Nirostablech. Im Jahr 1984 erfand sein Mitarbeiter Andrä das Gummitopf Hublager. Das Teflongleitlager kam im Bereich des Taktschiebeverfahrens erstmals beim Bau der Caroni Brücke in Venezuela im Jahr 1962 zum Einsatz.
Außerdem entwickelte er einen windschnittigen Querschnitt für Hängebrücken, indem er die Ursachen für den spektakulären Einsturz der Tacoma Bridge im Bundesstaat Washington analysierte. Insgesamt waren damals aber schon rund zehn Brücken dieser Bauart eingestürzt. Auch andere Hängebrücken, wie z.B. die Bronx Whitestone Brücke in New York oder auch die Golden Gate Brücke in San Francisco erwiesen sich als sehr windanfällig. Die Amerikaner erhöhten daraufhin die Torsionsteifigkeit, indem sie z.B. zusätzlich einen unteren Fachwerkverband an die Golden Gate Brücke bauten. Ursache für den Einsturz der Tacoma Brücke waren nach Überlegungen Leonhardts Windwirbel, die sich mit einer gewissen Frequenz hinter der Brücke bilden und Torsionsschwingungen erzeugen können, aber auch Windkräfte, die unter anderem bei gespannten Membranen ein Auf- und Abflattern hervorrufen. Wenn die Erregerfrequenz mit der Eigenfrequenz der Brücke zusammenfällt, dann entstehen einsturzgefährdende aufschaukelnde Resonanzschwingungen. Leonhardt wollte dem Problem mit einer Querschnittsform und einem günstigen Verhältnis von Spannweite zur Breite begegnen. Leider traute man den Überlegungen Leonhardt damals noch nicht. So scheiterten seine Entwürfe für die Seinebrücke in Tancarville im Jahr 1952 und auch die Entwürfe für die Tejobrücke in Lissabon im Jahr 1959. Leonhardt besaß zu dieser Zeit bereits ein Patent für die Monokabelbrücke. 1961 ergab sich erneut die Gelegenheit für den Bau einer Monokabelbrücke mit der Planung der Rheinbrücke Emmerich. Der Brückenbauchef Klingenberg im Bundesverkehrsministerium verhinderte die Umsetzung. Allerdings hatten zwischenzeitlich die Engländer die Bedeutung der Untersuchungsergebnisse Leonhardts erkannt und bauten somit erstmalig eine aerodynamisch stabile Hängebrücke mit der Severnbrücke, die im Jahr 1966 eingeweiht wurde. Dieser Sachverhalt ärgerte Leonhardt zeitlebens, denn der bürokratische Akt des Ministeriums fügte dem deutschen Brückenbau einen nicht unerheblichen Schaden zu, über den sich zumindest in den nachfolgenden Jahren die Engländer mit vollen Auftragsbüchern erfreuen konnten.
Darüber hinaus gilt Leonhardt als maßgeblicher Ingenieur des Olympiadachs in München, dessen Umsetzung mit dem Architekten Behnisch nicht immer reibungslos verlief. Das Olympiadach sollte auch für die Entwicklung der einschlägigen Fakultät der Universität Stuttgart von Bedeutung sein. Gegen den Widerstand vieler Professoren setzte das Kultusministerium Leonhardt aufgrund von zahlreichen Fürsprechern aus der Industrie auf den Lehrstuhl für Massivbau (1956), später wurde Leonhardt sogar noch für ein paar Jahre Rektor der Universität. Durch die Zusammenarbeit mit Frei Otto wurde die Hochschule innovativer. Auf Initiative von Frei Otto entstand im Jahr 1964 das international geachtete Institut für leichte Flächentragwerke. Dort wurden verschiedene Wissenschaften vereinigt: Architektur, Bauingenieurwesen, Biologie, in schwacher Dosierung auch Medizin und Paläontologie. Der Institutsbau war auch Vorbild für den 1967 errichteten deutschen Pavillon für die 67er Weltausstellung in Montreal. Die optimale Form der organischen Dächer ergab sich aus Drahtmodellen, die er in Seifenlauge auf der Suche nach der "Minimalfläche" eintauchte. Die Arbeit des Instituts spielte auch bei der Entwicklung des Olympiadachs in München eine große Rolle. Behnisch waren die konstruktiven Vorschläge der Ingenieure zu massiv. Für die wuchtige Konstruktion waren Leonhardt und Schlaich (auch ein Co-Autor dieses Buchs) verantwortlich.
Mein Vorwort zum Werk Leonhardts stellt nur einem kleinen Ausschnitt dar und tangiert lediglich einige der Highlights. Er gilt als einer der wichtigsten Triebfedern im Stahl- und Spannbetonbau des 20. Jahrhunderts und seine Fachpublikationen und seine Vorlesungsskripte zum Massivbau wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Er erhielt zahllose internationale Auszeichnungen und sammelte Ehrendoktoren wie andere Pilze im Wald.
Nach meiner Ansicht ist es recht schwierig den vielfältigen Tätigkeiten des Ingenieurs in einem biographischen Buch gerecht zu werden. Wer bereits das Buch "Baumeister in einer umwälzenden Zeit - Fritz Leonhardt - Erinnerungen" kennt, wird in diesem Buch inhaltlich nicht viel neues entdecken. Lediglich das Bildmaterial ist bestechend, aber dort wo es technische Klärung für Laien anbieten könnte, fehlt es wiederum. Um ein Beispiel zu nennen: Die Autoren hätten z.B. Bilder von der Konstruktion amerikanischer Hängebrücken wie der Tacoma Bridge den aerodynamischen Entwürfen Leonhardts gegenüberstellten können und anhand von "bildhaften" Erklärungen auch dem Laien verständlich die Unterschiede erklären sollen.
Sehr gut gefallen hat mir der Beitrag zu den Fernsehtürmen (S. 88-105), weil es hier auch zumindest einen kleinen Vorstoß zu technischen Details und Gegebenheiten gibt. Dennoch bezweifle ich, dass ein Laie hier viel vom Text versteht oder zu Erkenntnissen gelangt, weil es ebenso an erklärenden Skizzen fehlt. Das Buch versucht hier einen Spagat zwischen biographischer Laieninformation und Fachinformation zu machen, was am Ende leider auch beim aktuell hohen Abschaffungspreis (Stand 2012: 79 Kröten) nicht befriedigend gelingt. Positiv ist hervorzuheben, dass es dem Autorenteam gelungen ist, einen interessanten Gesamtüberblick zu schaffen. Leider langweilt andererseits die Aufzählung der Einzelbauwerke mit den Kurztexten dadurch auch vielfach. Es ist schön, dass dieses Buch auch zweisprachig (Deutsch, Englisch) erschienen ist, aber letztendlich müssen Sie dann inhaltlich gesehen die rund 200 Seiten dieses Buchs noch einmal halbieren. Das Inhaltsverzeichnis ist Ihnen evtl. eine größere Hilfe als mein Kommentar:
1. Fritz Leonhardt im Süddt. Archiv für Architektur und Ingenieurbau (J. Böker)
2. Einführung (J. Kleinmans)
3. Der Niet als Ornament. Der Baumeister F. Leonhardt. (K.J. Philipp)
4. Leonhardts Bedeutung für die konstruktionsorientierte Baustatik (K.-E. Kurrer)
5. Fritz Leonhardt. Erste Bauten und Projekte. (C. Weber)
6. Wirtschaftlicher Wiederaufbau in Stuttgart. Beiträge Fritz Leonhardts zur Schuttverwertung. (D. Schmidt)
7. Frühe Spannbetonbrücken. (E. Pelke)
8. Die Netzwerke Fritz Leonhardts in Österreich. (A. Pauser)
9. 70 Jahre Ingenieurbüro Leonhardt, Andrä und Partner. (Svensson)
10. Der Stuttgarter Fernsehturm. Ein Prototyp. (Kleinmanns)
11. Wie Fritz Leonhardts Fernsehturm meinen Lebensweg vorzeichnete. (Jörg Schlaich)
12. Drahtseilakte. Fritz Leonhardts seilverspannte Brücken. (Bühler)
13. Fritz Leonhardt. Fußgängerbrücken. (U. Baus)
14. Die Planung des Olympiadachs in München (E. Spieker)
15. Fritz Leonhardt und die alten Bauten.
16. Fritz Leonhardts Erbe. Zum Umgang mit seinen Bauten. (Berger)
17. Fritz Leonhardt als Professor und Rektor der Universität Stuttgart. (N. Becker)
18. Fritz Leonhardt. Wie ich ihn als Rektor erlebt habe. (F. Weller)
19. Meine Zeit mit Fritz Leonhardt. Begegnungen und Erlebnisse. (Jörg Peter)
20. Fritz Leonhardts Kontakte zur Materialprüfungsanstalt in Stuttgart. (H.-W. Reinhardt)
21. Vom Institut für Massivbau zum Institut für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren. Das Institut nach der Emeritierung von Fritz Leonhardt. (Werner Sobek).
22. Fritz Leonhardt. Etappen eines aktiven Lebens.