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Chemie und Krieg
Es war einer der umstrittensten Nobelpreise der naturwissenschaftlichen Disziplinen: 1918 erhielt ihn der deutsche Chemiker Fritz Haber für die «Synthese von Ammoniak aus seinen Elementen», die ihm 1908 gelungen war. Umstritten war aber nicht Habers wissenschaftliche Leistung, umstritten war vielmehr sein Einsatz während des Ersten Weltkriegs denn Haber war massgeblich an der Entwicklung von Giftgas für die deutsche Armee beteiligt. Umstritten ist Fritz Haber bis heute: ein besessener Wissenschafter, ein geschickter Wissenschaftsmanager avant le terme (er machte aus dem Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie und Elektrochemie in Berlin eine berühmte Forschungseinrichtung, die heute seinen Namen trägt) aber auch ein jüdischer Preusse, ein skrupelloser Patriot, ein wissenschaftlicher Phantast (er wollte aus Meerwasser Gold destillieren, um sozusagen eigenhändig die deutschen Kriegsschulden zu bezahlen).
In seiner umfangreichen Biographie, die jetzt als Taschenbuch erschienen ist, geht Dietrich Stoltzenberg allen Aspekten der Figur Haber nach. Stoltzenberg, selber Chemiker, verfolgt Habers Werdegang von Breslau, wo er 1868 in einer assimilierten jüdischen Familie geboren wurde, über Heidelberg und Berlin, wo er studierte und sich wissenschaftlich etablierte, bis zu der kurzen Gastdozentur in Cambridge, als er aus dem Berliner Institut und aus Deutschland vertrieben worden war. Auf dem Weg von England nach Israel starb Haber 1934 an einem Herzinfarkt in Basel. Stoltzenberg ist fasziniert von dem Erfinder und Wissenschafter, aber er übersieht nicht Habers irregeleiteten patriotischen Eifer und seinen fragwürdigen Ruf als Begründer der chemischen Kriegführung. Mit Rückgriffen auf nicht oder wenig bekannte Dokumente, mit Zitaten und unzähligen Details zeichnet Stoltzenberg ein Leben nach, in dem sich Wissenschaftsgeschichte und Zeitgeschichte auf dramatische Weise treffen. Denn Zyklon B, das Haber für die Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung Anfang der zwanziger Jahre entwickelt hatte, setzte die SS schliesslich in Auschwitz ein, um Juden zu ermorden.
Stefana Sabin
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