Neue Zürcher Zeitung
Grosser Mann
Eine Biographie des Chemikers Fritz Habers
Fritz Haber, der geniale Chemiker und Nobelpreisträger, war ein Mensch, der zum Grenzgänger geboren schien. Als Sohn einer jüdischen Breslauer Familie konvertierte er zum Protestantismus, um doch 1933 wieder auf seine Herkunft zurückverwiesen zu werden. Trotz Habers Ergeiz waren seine Leistungen als Schüler und Student eher mittelmässig, und um die gewünschte Anerkennung musste er lange kämpfen. Haber war ein ausgesprochen origineller Kopf und rastloser Arbeiter: Er überschritt die Grenzen zwischen wissenschaftlichen Disziplinen, verband Chemie und Physik. Er betrieb Grundlagenforschung, war aber von Anfang an auf die Fähigkeit, seine Ergebnisse anzuwenden, bedacht und suchte früh den lukrativen Kontakt zur Industrie.
Erfolge, Misserfolge
Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges stellte er sein wissenschaftliches Know-how und seine Organisationstalente bedingungslos dem deutschen Staat zur Verfügung. Er forcierte die Entwicklung und Produktion kriegswichtiger Roh- und Ersatzstoffe, aber auch von Giftgas, das beileibe nicht nur zur Schädlingsbekämpfung in der Landwirtschaft eingesetzt werden sollte. Nicht einmal vor Selbstversuchen scheute Haber zurück, um die Wirksamkeit der giftigen Kampfstoffe zu erproben. Er überzeugte die «traditionellen» Militärs davon, dass die Wissenschaft einen Beitrag und welchen! zur Kriegsführung leisten konnte, und genoss seine Beförderung zum Hauptmann. Er organisierte «big science», entwickelte sich vom Fachwissenschafter zum Wissenschaftsmanager, betrieb Wissenschaftspolitik über die Grenzen seines Fachs hinweg.
Haber wurde als Wissenschafter und Wissenschaftsorganisator zu seinen Lebzeiten reich geehrt; er wurde Direktor des neugegründeten Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie, er erhielt den Nobelpreis, und er genoss internationale Reputation. Aber er erlitt auch Fehlschläge: Sein ambitiöses Projekt, Meergold zu gewinnen, um die nach dem verlorenen Krieg auferlegten Reparationskosten zu finanzieren, scheiterte. Auch in seinem Privatleben war Haber nicht immer «erfolgreich». Seine erste Frau, die Chemikerin Clara Immerwahr (der Gerit von Leitner jüngst eine allzu melancholische Biographie gewidmet hat), nahm sich 1915 das Leben, und auch die zweite Ehe war nicht glücklich. Am Ende der Weimarer Republik stand Haber vor einer persönlichen Trümmerlandschaft: krank, einsam, liebesunfähig, finanziell angeschlagen, politisch desillusioniert. Die «nationalsozialistische Revolution» entzog ihm noch das letzte, das wissenschaftliche Standbein: Haber trat als Institutsdirektor zurück und starb 1934 in Basel.
Gerade das Unglatte dieses Lebens, seine Ecken und Kanten, seine Brüche und Verwerfungen machen es für Biographen interessant. Historiker wiederum finden in ihm reiches Material zur Wissenschafts- und Sozialgeschichte des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Was aber passiert, wenn Historiker sich als Biographen versuchen? Das Ergebnis ist nachzulesen in der voluminösen, fast 1000 Seiten starken Habilitationsschrift der Münchener Historikerin Margit Szöllösi-Janze.
Die Lektüre hinterlässt den Verdacht, dass sich die Autorin nicht hat entscheiden können, ob sie eine Biographie oder eine wissenschaftsgeschichtliche Forschungsarbeit schreiben wollte. Für eine Biographie, die die individuelle Lebensgeschichte eines «grossen Mannes» in die Zeitumstände einbettet, ist die Darstellung dieser Umstände viel zu ausführlich geraten. Zweifellos erfährt die Leserin viel Wissenswertes über die Geschichte der TH Karlsruhe oder der BASF, über die Wissenschaftsgeschichte der Chemie, die Entwicklung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und zahlreicher anderer Organisationen und Institutionen, mit denen Haber in oft nur loser Verbindung stand. Vor allem die mittleren Kapitel lösen sich stark von der Darstellungsform einer Biographie und ähneln weit mehr einer Geschichte der Beziehungen zwischen Staat, Militär und chemischer Wissenschaft in Krieg und Nachkriegszeit. All diese «Hintergrundsgeschichten», hinter die die Person Habers oft bis zur Unsichtbarkeit zurücktritt, sind ausgesprochen deskriptiv und in der Regel aus der Sekundärliteratur erarbeitet.
Insgesamt entsteht der Eindruck, dass es der Autorin nicht so sehr um eine Biographie Habers ging als vielmehr um eine an seiner Person exemplifizierte Geschichte moderner naturwissenschaftlich-industrieller Grossforschung und ihrer institutionellen Vernetzung. Das ist keinesfalls verwerflich, nur ist die gewählte Form einer Lebensgeschichte dafür nicht geeignet. Allzu knapp kommt Fritz Habers Persönlichkeit ins Spiel, seine Herkunft, seine Prägungen, sein Verhältnis zu Eltern, Geschwistern, Freunden.
Nur der Biographie Leitners haben wir es zu verdanken, dass seiner Beziehung zu seiner ersten Frau einiger Raum geschenkt wird obwohl die Autorin auch hier nicht über Haber schreibt, sondern über Clara, ihre psychischen und sexuellen Probleme. Von einer Biographie Habers aber wäre zu erwarten, dass seine persönliche Perspektive ausgeleuchtet würde was nur in Spurenelementen geschieht. Dass er mit Hilferding befreundet war, erfährt man auf Seite 605. Sein Sohn Hermann taucht erst auf, als er bereits erwachsen und studierfähig ist.
Am Selbstbild orientiert
Mit dieser Gewichtung reproduziert die Autorin das offizielle Selbstbild «grosser Männer», die sich ausschliesslich als öffentliche Personen zu präsentieren suchen. Eine wissenschaftliche Biographie aber sollte nicht die Auswahlentscheidungen von Lebenserinnerungen wiederholen, sondern eigene Akzente setzen. Das hat nichts mit Voyeurismus zu tun, gegen den sich die Autorin zu Recht verwahrt. Anders als Autobiographien, die in der Regel bemüht sind, ein konsistentes Bild der eigenen Lebensgeschichte zu entwerfen, ist es Aufgabe und Chance einer Biographie, dieses Bild aufzulösen und seine Elemente neu zu sortieren. Dieser intellektuellen Herausforderung hat sich die Autorin bei aller Sorgsamkeit der Recherche entzogen.
Damit hat sie sich überdies der Möglichkeit begeben, Habers Leben auf diskursive Weise mit seiner Zeit in Beziehung zu setzen. Gerade das biographische Genre bietet ja den Vorteil, das Schisma zwischen «strukturanalytischen» und «handlungsbezogenen» Geschichtsbetrachtungen überwinden zu können. Die ewig spannende Frage, inwiefern individuelles Handeln die Geschichte prägt und zugleich von ihr geprägt wird, lässt sich gerade anhand einer Biographie immer wieder neu stellen und anders beantworten. Das aber setzt voraus, dass man das Moment der Kontingenz ernst nimmt und Handlungsspielräume ebenso wie Alternativen kritisch ins Spiel bringt. Eben dieses reflexive Potential einer Biographie wird einem positivistischen Verständnis geopfert.
In ihrem analytischen Vermögen bleibt die dickleibige und detailfreudige Forschungsarbeit Margit Szöllösi-Janzes damit hinter Fritz Sterns kurzen, dichten Essays zu Fritz Haber zurück. Wiewohl überpointiert, stellt Stern Haber als Person vor, in der sich die Zeitereignisse bündeln und kristallisieren. Die zehnmal umfangreichere Habilitationsschrift dagegen lässt die Person Habers hinter den Zeitereignissen verblassen.
Ute Frevert