Saisonalität, Regionalität, die Verwendung hochwertiger Produkte, im Herbst mit dem Schießprügel ein paar Tiere im Wald erlegen und Angeln gehen: in den beiden Kochbüchern "Frisch & einfach kochen" (die Frühlings- und Sommerrezepte) und "Frisch kochen jetzt!" (mit den Herbst- und Winterrezepten) macht der britische Gourmet-Caterer und TV-Koch Valentine Warner das nach, was sein Kollege Jamie Oliver mit dem Buch "Natürlich Jamie" schon vorexerziert hat.
Auch die kulinarische Gangrichtung von Val Warner ist ähnlich wie bei Jamie Oliver: "Modern British cuisine" mit starkem Fokus auf die Küchen der Mittelmeerländer. Val Warner legt dabei fast noch größeren Wert auf Einfachheit und Reproduzierbarkeit seiner Rezepte als Jamie Oliver. Mit seiner Kochphilosophie gelingen Val Warner auch einige ganz originelle Kompositionen (z.B. Hähnchenleber mit Speck, Erbsen und Minze) und interessante Neu-Interpretationen (z.B. Schweinefleisch mit Makrelensauce als Abwandlung des Klassikers Vitello tonnato). Leider wartet das Buch aber auch mit viel Unnötigem auf, ganz zu schweigen von ärgerlichen Fehlern und Schludrigkeiten bei der Übersetzungs- und Redaktionsarbeit der deutschen Ausgabe.
Wie Jamie Oliver neigt Val Warner zur Überdosierung von Gewürzen, Kräutern und Aromen: griechischen Bauernsalat variiert er mit gerösteten Kreuzkümmelsamen und Minze - warum auch nicht. Bei den vorgeschlagenen Mengen dürfte der Bauernsalat aber vornehmlich nach zwei Dingen schmecken: nach Kreuzkümmel und Minze. Wer nach dieser Aromenüberdosis noch nach einer Magenübersäuerung giert, kann als nächsten Gang ja Warners Artischockenvinaigrette servieren: mit 1,5 TASSEN Estragon-Essig auf 1 EL Öl + 1 Eigelb + 1 TL Senf. Sauer macht lustig, wie der Volksmund weiß. Ich hoffe allerdings, dass hier ein Übersetzungs- oder Redaktionsfehler vorliegt - essen wollte ich diese Essigbrühe nicht!
Wir dürfen auch erfahren, dass Warner neuerdings am liebsten Röstbrot frühstückt, das mit einer Masse aus pürierten Tomaten, Meersalz, Pfeffer und Olivenöl bestrichen ist. Warners Freundin Charlotte bereitet diese Köstlichkeit im Mixgerät zu und serviert ihrem Val dazu dampfenden, starken, gesüßten Kaffee; Val freut sich, wie einfach ein gutes Frühstück sein kann und liest seine Zeitung - danke für diesen Einblick ins Privatleben und für das spektakuläre Rezept. Zwei Seiten später offeriert Warner dann seinen Tomaten-Zwiebel-Salat; ein Rezept, das vielleicht in einem Schulkochbuch noch Sinn ergibt, in jedem anderen Kochbuch aber gleichfalls nur unnötiges, triviales Füllwerk darstellt. Überhaupt, die Tomaten: "Eine gute Treibhaustomate hat eines der großartigsten Aromen überhaupt" (Originalzitat). Prima! Dann kann ich ja zukünftig getrost auf saisonale Freilandware verzichten!
Hummer wird bei Val Warner lebend zerteilt, auf den Grill geschmissen und dann in Knoblauch-Mojo ersäuft. Simpel, rustikal, brutal - und außerdem in Deutschland verboten (nicht die brachiale Knoblauch-Mojo, die den feinen Geschmack des Meereskrabblers komplett killen dürfte, aber das Zerteilen des lebenden Hummers). Ein redaktioneller Hinweis, dass diese Methode des Hummermeuchelns in vielen Ländern verboten ist, wäre m.E. angebracht gewesen.
Warner zerteilt zwar lebende Hummer mit dem Küchensäbel, bei der Eichelmast iberischer Schwarzklauenschweine packt ihn dann aber auf einmal das Mitleid. Dies ist völliger Blödsinn, denn die Eichelmast bzw. die Zufütterung von Eicheln ist ein bestimmender Faktor für die Qualität und den Geschmack eines hochwertigen Jamón Ibérico. Außerdem fressen die Schweine die Eicheln gerne - sie werden ja auch nicht wie Stopfgänse "zwangsernährt".
Man/frau kann aber auch was lernen in Warners Buch. Zum Beispiel, dass der Pfifferling in England (wie auch in Frankreich) "Chanterelle" heißt. Den Übersetzer interessiert das nicht die Bohne (bzw. den Pfifferling), aber glücklicherweise befindet sich neben dem Rezept ein Foto des Gerichts, über das die Chanterelles vom verwirrten deutschsprachigen Leser eindeutig identifiziert werden können.
So, jetzt hör ich aber auf, nach weiteren Fehlern, Ungereimtheiten und Peinlichkeiten zu fahnden. Wer an Modern British cuisine und an großen Jungs, die mit viel Begeisterung in der Küche wirbeln, seinen Spaß hat, kann mit Val Warner glücklich werden. Viele von Warners Rezepten sind brauchbar, und ich finde es auch ganz anregend, dass die Modern British cuisine Zutaten fokussiert, die man auf dem Kontinent eher weniger im Blick hat (z.B. Makrelen, Hülsenfrüchte, Minze, Rhabarber).
Der enthusiastische Jubel der hier vertretenen 5-Sterne-Besprechungen ist aber m.E. nicht gerechtfertigt, denn Warner ist definitiv kein Spitzenkoch oder Innovator - seine Originalität hält sich in überschaubaren Grenzen.
Ärgerlich (und Hauptgrund für meine schlechte Bewertung) ist aber vor allem, dass das Buch Fehler aufweist, über die besonders die Kochanfänger straucheln werden, wenn sie Warners Vorgaben nicht kritisch und aufmerksam reflektieren. Welche von diesen Fehlern auf Warners Mist gewachsen sind, welche übersetzungsbedingt sind oder aus schlechter Redaktionsarbeit resultieren wird der Leser im Einzelfall selbst entscheiden müssen. Nicht auszuschließen, dass die hier dargestellten Probleme/Fehler nur die Spitze des Eisbergs sind - lange suchen musste ich leider nicht, um fündig zu werden.