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Frierkind
 
 
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Frierkind [Gebundene Ausgabe]

Andrea Rothaug
4.2 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (5 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

kulturnews.de

Max ist ein Wichser. Einer, der auf kleine Tiere steht und auf Pinkelgeräusche. Ihm graut vor sich selbst - und mit minutiöser Schilderung seiner Onanieorgien sorgt die Autorin dafür, dass es dem Leser ebenso geht. Nur die traurige Poetin Nathalie kommt und liebt Max. Für sie nähert er sich der Normalität, kehrt der exzentrischen Mutter den Rücken, deren Antiautorität ihn eisern fesselte. Einfach macht Hippiemutter Holly es Max nicht: Sie rast und tobt und sieht ihren Sohn lieber unglücklich als selig-konservativ. „Frierkind" entlarvt die Avantgarde und zeigt, dass sich hinter deren angeblicher Toleranz auch nur Kleingeistigkeit verbirgt. Leider verliert sich Debütantin Andrea Rothaug aber auch ziellos in genital-fäkalen Schockeffekten. (kab)

Kurzbeschreibung

"Er war nicht engelsgleich. Nur tränenreich. Gar nicht schön."

Eine berückende Poesie der Grausamkeit, oder: Selten zuvor hat eine Autorin für den Konflikt zwischen Bevormundung, Macht und Freiheit schmerzhaftere Bilder und eine strahlendere Sprache gefunden.

Max Tinker mochte die Menschen nicht. Nicht die exaltierte, morbide Diva Holly, die sich seine Mutter nannte, nicht die Künstler und Musiker, die ihre Wohnung bevölkerten, sich selbst nicht - und auch die Frauen nicht, die ihn immer übersahen. Nur manchmal, da mochte Max die kleinen Teile an den Frauen. Ein Fußnagel in Maigrün. Eine Hand ohne die andere. Die Vanilleknie. Mal einen Schlüpfer. Aber nie die ganze Frau. Das ganze Schwein. Das ganze Brot konnte doch auch keiner essen. Bis er Natalie gegenüberstand. Die mochte er sofort. Erst von fern, dann immer näher. Die Lila-Brünette mit Minirock und den Goldsandalen. Max ist verliebt - und bringt sich und Natalie in Teufels Küche. Denn Holly mag es überhaupt nicht, wenn ihr jemand das Terrain streitig macht. Nicht bei Max. Doch je mehr er versucht, den Ansprüchen seiner Mutter zu entkommen, desto mehr zerstörerische Energien setzt sie frei.

Mit gewaltiger und gewalttätiger Sprache schildert Andrea Rothaug einen Beziehungsreigen, bei dem Zwänge, Machtansprüche, Einsamkeit, Sex und Liebe die Choreographie übernommen haben.

Über den Autor

Andrea Rothaug, 1965 in Hamburg geboren, hat russische Literatur studiert und einige Jahre als Pressesprecherin der Tonträgerindustrie gearbeitet. Heute ist sie Kulturmanagerin in Hamburg.

Auszug aus Frierkind von Andrea Rothaug. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Da war es. Das schöne Mädchen mit dem karierten Minirock und den Goldsandalen.

Max hatte auf sie gewartet. Erst konnte es gar nicht schnell genug gehen, dachte

Max, und jetzt war es ihm fast zu schnell gegangen. Wie sie da auf einmal so vor

ihm stand. Er rieb sich den Schritt. Das schöne Mädchen. Das so schön aussah und

so gut roch. Er hatte nicht gedacht, dass jemand so gut riechen konnte. Er hatte

auch nicht gedacht, dass er so gut riechen konnte. Gut riechen und gut riechen.

Das waren zwei verschiedene Dinge, aber jetzt passten sie ganz gut zusammen.

Max Tinker drehte sich um. Die Leute drängen und schubsen immer so, dachte er.

Die meisten von ihnen trugen diese Studentenbrillen und schauten klug. Sie

standen an für Henry Rollins' Spoken Words. Diese blasierten Gesichter, denen

das Privileg, hier warten zu dürfen, ausreichte, um andere an die Seite zu

drängeln. Die Menschen machten Max ganz verrückt. Obwohl es genug Platz gab,

rieben sich alle aneinander. Er schob sich einen Block Erdnüsse in den Schlund.

Statt dass sie Abstand hielten. Sicherheitsabstand. Einen Meter vielleicht. An

jeder Ampel platzierten sie sich einen Meter voneinander entfernt. In

Menschenschlangen gingen alle auf Tuchfühlung. Max begann sich abzupuscheln. In

Gedanken. Abpuscheln. Erst die rechte Schulter, dann die linke Schulter. Mit

scharfer Handkante den Bauch abklopfen. Jedes Hosenbein vom Ende aufwärts und

von der Bügelfalte mit beiden Händen nach außen streichen. Das war gut so.
Zurück zum Mädchen. In Gedanken. Wo war sie. Da war sie. Direkt vor ihm. Sie

würde ihn kennen lernen. Heute. Sie, die Lila-Brünette mit dem karierten

Minirock und den Goldsandalen im Sommer.

Max kannte das Mädchen nur von fern, aber er hatte ein schönes Bild von ihr in

seinem Kopf. Erfahren war sie sicher, ganz erfahren in allen Dingen und

praktisch. Vor allem in Lebensdingen praktisch. Sie hatte einen Hund. Nur

praktische Leute hatten einen Hund. Und von einer Reinheit war sie, die er an

den meisten Mädchen vermisste. So glockenrein wie ihre Stimme, wenn sie sang.

Schmetterlingsgesang am Fischmarktrand. Er hatte genau hingehört. Hinhören und

weghören. Abhören und Zuhören. Ab und zu weghören war auch gut. Max pfiff Do you

think J' m sexy. Rod Stewart, die Sau. Warum einem immer die schlimmen Stücke

zum Singen oder Pfeifen einfielen. Gesummt hatte sie. Schön gesummt und dabei in

die Luft geschaut. Wo soll einer auch sonst hinschauen, wenn sich vor ihm im

Sekundentakt das menschliche Grauen abbildet. Der Fischmarkt Schwitzige Bäuche

mit »Free Cannabis«-T-Shirts und pro Minute 5.000 Mütter Beimer in ärmellosen

Blusen. Dort hinein steckte das betrunkene Proletariat dann seine

Patschehändchen. Max fiel das erste Blondie-Konzert ein. In der Musikhalle. Acht

oder so war er gewesen. Holly hatte ihn mitgenommen. Die Leute hatten einfach

die Stühle rausgerissen. So, dachte er, müsste einer das auch mit diesen Leuten

hier machen. Einfach rausreißen und beiseite werfen. Dann hatten er und das

Mädchen freie Bahn.

»Hau ab da, Alter!« Max wurde aus seinen Gedanken gerissen. Ein dicker Manager

mit dickem Arsch und dicker Nudel wollte durch die Menge. Max machte einen Satz

und prallte gegen das Mädchen. Immer sprang er in die falsche Richtung. Immer.

Das war ein Gesetz. Gewiss, träumte Max unverdrossen weiter und schaute das

Mädchen von der Seite an, spielte sie gern »nicht auf die Striche treten«. Und

hoffentlich, so betete Max, würde sie kleine Tiere und nachcolorierte

Heimatfilme so mögen wie er. Seinetwegen auch französische Heimatfilme. Max

wusste, sie kam von irgendwo weit her, wahrscheinlich Frankreich. Frankreich. Da

gehen die Mädchen ohne Schlüpfer spazieren. Jedenfalls in Paris, erzählte man

sich. Das wusste jeder. Sie war wie er, wusste Max, nur ohne Schlüpfer, aber

sonst genau wie er.

Das Mädchen, hatte Max erfahren, hieß Natalie und mochte Kunst. Kunst in

Maigrün. In der Kunsthalle hatte er sie getroffen. Vielleicht nicht direkt

getroffen. Als sie morgens aus ihrem Haus kam und in Richtung Schanzenbahnhof

ging, war Max ihr gefolgt. Die Nacht im Gebüsch am Park war eh vorbei.

Frühlingsnächte in Hamburg in ihrem Bladerunnergrau waren kalt. Max hatte sich

aufwärmen wollen. Vielleicht ein bisschen S-Bahn fahren mit dem Mädchen, das da

gerade aus dem Haus kam und so lustig aussah. Und warm werden mit ihr. Und sie

anschauen, hatte er gedacht. Mit ihr in der S-Bahn sitzen und ihre Schamhaare

durchzählen. Von weitem. Plötzlich war sie ausgestiegen. Hauptbahnhof. Auch ohne

Junkies deprimierend. Max überlegte, was ihm weniger gefiel. Die Junkies, die

früher hier gestanden hatten, oder die neue klassische Musik. Nein, die neue

klassische Musik war es. Die Welt war krank, wusste Max. Eine Welt, in der einer

Menschen mit ernster Musik vertrieb. Die war wirklich ganz krank. Armer Strauss.

Und armer Strauß. Und Beethoven war auch arm.

Max war Natalie ins Freie gefolgt. Er mochte keine Kunst. Natalie schon. Sie

blieb gern vor den grünen Bildern stehen. Ungezählte grüne Bilder zählte Max. Er

hatte nicht erkennen können, was darauf war. Er versteckte sich hinter den

Stellwänden und beobachtete, wie Natalie die grüne Kunst betrachtete. Vor allem

in Maigrün mochte sie Kunst. Das war gut so.

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