Schon die Inhaltsangabe bereitet größte Schwierigkeiten. Im Hexenkessel Harlem der ausgehenden 20er Jahre rettet Musiker Dixie (Richard Gere) Gangster Dutch Schultz mehr durch Zufall das Leben und gelangt dadurch in Gangster- und vor allem Gangsterbräutekreise. Doch der nervöse Dutch liegt im Streit mit rivalisierenden Bandenführern, die Harlem unter sich aufgeteilt haben, aber deren Waffenstillstand immer wieder durch diverse aufbrausende Temperamente bedroht ist. Einem der Bandenführer gehört der "Cotton Club", in dem die heißesten Mädels, die schärfsten Tänzer und die coolsten Jazzbands auftreten, aber Farbige werden nur auf der Bühne, nicht als Zuschauer geduldet. Hier möchte der junge Stepptänzer "Sandman" (Gregory Hines) mit seinem Bruder Karriere machen. Und irgendwann...hängt alles mit allem irgendwie zusammen, und es zerfasert doch. Bei beiden Hauptpersonen ist zum Beispiel das Verhältnis zum Bruder wichtig, aber dermaßen unvergleichbar, dass es nicht einmal in pointierten Gegensätzen kontrastiert, sondern einfach nur nebeneinandersteht. Beide Hauptpersonen haben eine komplizierte Liebesbeziehung: Dixie zu der blutjungen Vera (Diane Lane), von deren eiskaltem Hedonismus er aber gelegentlich abgeschreckt ist, und Sandman zu Lila Rose (Lonette McKee), der er übelnimmt, sich aus Karrieregründen als Weiße auszugeben. Aber Sandman hat selbst aus Karrieregründen einmal seinen Bruder links liegen lassen, Dixie dagegen schlittert eher aus Versehen und immer ein bißchen Zaungast bleibend nach oben. Vielleicht wollte Regisseur Francis Ford Coppola damit ja auf irgendetwas hinweisen. Für mich sind das aber alles zusammenhanglose, zusammengewürfelte Schicksale, und wenn sie überhaupt eines zeigen, dann: Diese Welt ist völlig verrückt, aus den Fugen, keinen Regeln folgend. Auch dies ist natürlich eine Aussage, und Coppola ist gar nicht einmal schlecht darin, die schillernden Zwanziger (mit Ausblick auf die depressiven Dreißiger) in ihrer ganzen kochenden Extase zu zeigen. Es gibt ne dolle Ausstattung, schmucke Kostüme und jede Menge wirklich heißen Jazz. Aber die Geschichte tritt auf der Stelle. Coppola interessiert sich so sehr für das Sitten- bzw. Gruppenbild, dass er eines vergisst: Eine Gruppe, eine Gesellschaft setzt sich aus Individuen zusammen. Und seine Individuen lässt er ein wenig arg zusammenhanglos aufeinander prallen bzw. aneinander vorbeileben. Sein Film hat Atmosphäre, aber keine Geschichte. Er zeigt Zustände, aber er erzählt nicht. Auch ein großer Episodenfilmer wie Robert Altman hatte immer noch die nötige Portion Leim, um seine Puzzles zusammenzuhalten (zB. kathartische Unwetter in "
Short Cuts" und "
Dr. T and the Women"). Coppolas Film hingegen tritt gelegentlich auf der Stelle, geht aus dem Leim, wirkt trotz gar nicht mal exorbitanter 120 Minuten zu lang und hat eher tolle Einzelmomente und Zustandsbeschreibungen als einen Erzählfluss. Es ist ein Sittenbild ohne Rahmen.
Manche mögen es genauso und nicht anders. Ich mag eher Geschichtenerzähler. Zumindest an einem Punkte kann man aber meinen Vorwurf durchaus objektivieren. Coppola hat sich nämlich - sicherlich bewusst - entschlossen, nicht nur eine alte Zeit vor der Kamera wiederaufleben zu lassen, sondern teilweise auch mit den Mitteln der alten Zeit zu erzählen. So sind die Actionszenen, die Zeitenwandel, kurz: alles, was die Handlung merklich vorantreibt, in knappen Montagesequenzen dargestellt. Tolle Überblendungen von einzelnen Ereignissen, stellenweise symbolisch, stellenweise mit hübsch altmodischen Tricks wie den im Stop-Motion-Verfahren verschwindenden Münzen beim Börsencrash erinnern an die guten alten Warner-Brothers-Gangsterfilme der 30er (z.B. gab es in "
Die Wilden Zwanziger" Ähnliches). Doch das funktioniert eben nur, wenn man dazwischen nicht oftmals auf der Stelle tritt oder zwischen den Figuren hin- und hermäandert. Schade eigentlich, denn stilistisch kann es Coppola ja, und man kann sich hier zwei Stunden lang sattsehen und -hören und ein bißchen sein Filmklassikerwissen testen, da auf so manches angespielt wird. Es hat schon was, wenn Doubles von Charlie Chaplin, James Cagney und - mit einmaligem We-had-Faces-Overacting, wie man das von einem Stummfilmstar erwartet - Gloria Swanson kurz mal reinschneien. Es ist schon irre, dass Coppola für die Rolle von Dutch einen Typen gefunden hat, der (obwohl vermutlich einige Zentimeter größer) verdammt viel mit Edward G. Robinson gemeinsam hat, vor allem diese ziemlich schrägen wulstigen, aber an den Seiten abfallenden Oberlippen, und der auch noch so spielt. Es hat schon was, sich stylishe Settings, Ausleuchtungen und je nach Ausrichtung Männer oder Frauen anzugucken. Auch wenn Coppola dabei manchmal schon zu angestrengt wirkt, vor allem in der ersten romantischen Szene zwischen Vera und Dixie: Beim ersten romantischen Spruch formen die Schatten ein Herz (bei Schatten anstatt der wirklichen Körper merkt es auch wirklich jeder), dann greift Coppola in den Spektralfarbtopf, um anschließend auf überhell ausgeleuchtete, fast weiße Gesichter ein seltsames Fenstergitterschattenmuster fallen zu lassen. Was Regisseure wie Douglas Sirk auf einen ganzen Film verteilen, haut Coppola einem in zwei Minuten vor den Latz.
Was bleibt am Ende? Es scheint mir, Coppola konnte dem Schwelgen im schönen Schein des Kinos nicht ganz widerstehen, und ein Dealer, der von seinem eigenen Zeugs high wird, ist nun einmal ein schlechter Dealer. Was wollte er eigentlich? Individualschicksale erzählen, ein Sittenbild zeichnen, oder hat er den Dreh einfach nur genossen und nicht an das Publikum gedacht? Zugegeben, ich weiß es nicht, habe über den Film auch kein Hintergrundwissen, aber eine Vermutung: Vielleicht muss man den Streifen ein bißchen tiefer hängen und in ihm nur ein amüsantes Verwirrspiel zwischen Fiktion und Realität sehen. Am Ende ist nämlich die Welt ziemlich aus den Fugen geraten, und in einem etwas skurrilen Schluss werden die Grenzen zwischen Realität und Fiktion vollständig aufgehoben. Dixie ist nun ein Filmstar, als Gangster, und er musste dazu bloß den echten Dutch imitieren. Die Schlussbilder vermischen Realität und Fiktion, Dixie und Vera brechen auf gen Hollywood, und vielleicht ist die Welt, die Coppola da zeigt, tatsächlich so irre, dass man ihr nur durch Flucht in die Kunst entkommen kann. Der Künstler ist oben angekommen, einige Gangster sind hingegen in die Hölle gewandert (das zeigt Coppola auch durch eine Parallelmontage von Sandmans größtem Erfolg und einer Mordszene). Okay, das ist ein Wort und ein Angebot. Aber dennoch: Um dies zu zeigen, sind die tatsächlich vorliegenden 120 Minuten zu lang, zu kalt, zu unzusammenhängend und damit auch zu beliebig variierbar. Aber mitunter sehr schön anzusehen, und daher noch drei Sterne wert.