Dem Berliner Fotograf nahm es sich als großes Anliegen, den Alltag der ganz normalen Bürger zu fotografieren. Dabei verließ er wohl nie ohne Kamera das Haus und suchte die Plätze und Orte auf, an welchen sich die Berliner Bürgerinnen und Bürger gerne aufhielten und Seidenstücker genügend Inspiration boten: die Straße und der Zoologische Garten. Seidenstückers Fotografien zeugen von großem Humor, der in seinen Aufnahmen immer wieder ganz deutlich zum Vorschein kommt, und von der Freude des Fotografen, kleine Absurditäten und komische Momentsituationen als Aufnahme festzuhalten.
Obwohl der Fotograf als eher schüchtern und zurückhaltend galt, interessierte er sich doch sehr für das neue Frauenbild, das sich in den 1920er Jahren erstmals in Deutschland entwickeln konnte. Dabei interessierte ihn besonders die "neue Frau" im Alltagsleben und es gelang ihm, die Aufnahmen ganz von dem Esprit und Selbstbewusstsein der Frauen durchdringen zu lassen. Auch die erotische Komponente ist in diesen Bildern immer wieder vertreten, noch deutlicher tritt diese allerdings bei seinen Aufnahmen von Amateursportlerinnen sowie den Aktstudien zutage. Dass Seidenstücker jedoch nicht nur humorvolle Aufnahmen von Menschen und Tieren machen konnte, die zum Schmunzeln verleiten, beweisen seine Bilder des zerstörten Berlin, die die Not und Entbehrung der Menschen eindrücklich zum Ausdruck bringen.
Das Buch "Von Nilpferden und anderen Menschen" präsentiert einen abwechslungsreichen Überblick über Seidenstückers Fotografien und gibt anhand der verschiedenen Essays gleichzeitig einen tieferen Einblick in Leben und Werk des Berliner Fotografen. Ein sehr gelungener Ausstellungskatalog, der auch in Layout und Herstellungsqualität zu überzeugen weiß.