Man preist ihn als bedeutenden Vordenker der Frühromantik; als Erfinder der romantischen Ironie, Verfasser spitzzüngiger Kritiken und eines für die Zeit skandalösen Romans, "Lucinde", taucht der Name in jeder Literaturgeschichte auf. Doch das ist nur der halbe Schlegel. Neben dem quecksilbrigen Frühromantiker gibt es da leider noch den anderen, den "Blei-Schlegel". Zimmermann zeigt ihn ganz, ausführlich. Große Hochachtung gebührt dem Autor, sich durch dieses vielschichtige, umfangreiche Lebenswerk durchgearbeitet zu haben und dem Leser nun ein vollständiges Bild des Dichters, Kritikers, Philologen und Publizisten zu vermitteln. Er geht hierbei chronologisch vor, orientiert sich an den Stationen seines bewegten Lebens (Hannover, Leipzig, Dresden, Jena, Berlin, Paris, Köln, Wien etc.), schildert nur das Nötigste über die jeweiligen Lebensumstände und verlegt sich ganz auf die Darstellung der geistigen Entwicklung des Autors. Das ist fünf Kapitel wirklich spannend, und man ist fasziniert von dem genialisch funkensprühenden Ideenreichtum des jungen Schlegel: Griechenbegeisterung, Kunstreligion, neue Mythologie, Universalpoesie, Lust an der Paradoxie, Selbstverwirklichung, Frauenemanzipation - ohne Frage, im illustren Kreis der "Jenaer Romantik" war Friedrich Schlegel einer der radikalsten Köpfe. Doch nach dem "Fest von Witz, Laune und Philosophie" ist bald Schluss mit lustig. In Paris ändert sich der Ton: Ironie und Polemik werden gedämpft, stattdessen gibt Schlegel sich deutsch-national bis chauvinistisch: "Zu dem was geschehen soll, sind offenbar die Deutschen allein fähig, sie sind (...) als das auserwählte Volk zu betrachten , auf dem das Heil der Menschheit beruht." Am deutschen Wesen soll also die Welt genesen, später wird ihm diese Weltsicht doch zu eng und Schlegel wendet sich dem Katholizismus zu, der von nun an sein Denken bestimmt. Um nicht weniger als die "Errettung der Menschheit" vom "bornierten Vernunftglauben" der Aufklärung geht es ihm nun, natürlich unter dem Dach der Kirche - und das macht die zweite Hälfte dieser umfangreichen Biographie dann doch zu einer eher unerquicklichen Lektüre. Als Hofsekretär in Wien gebärdet sich Schlegel staatstragend, formuliert Kriegsproklamationen und setzt sich für Pressezensur ein. Seine Vision einer "erlösten Menschheit": obrigkeitshörig, schicksalsergeben und fromm, alle sind gleichgesinnt und keiner muckt auf. Am Ende seines Lebens verfällt er mystischen Spekulationen, beschäftigt sich mit Okkultismus und Hellseherei. Was Wunder, dass sich einstige Freunde und Weggefährten die Augen reiben: "Welch ein Genius hat sich zerstört!", empört sich Ludwig Tieck. Auch der eigene Bruder, August Wilhelm, wendet sich von ihm ab. Vom atheistischen Ironiker zum glaubensinnigen Theokraten - Zimmermann ist bemüht, diese eigentümliche Kehre zu (v)erklären (Schlegel war nicht der einzige Romantiker, der sein Heil in der Kirche suchte, wie Novalis, Eichendorff), kommentiert Schlegels Vision vom herbeigesehnten Gottesstaat gar mit einigem Wohlwollen. Sympathischer bleibt aber der junge Feuerkopf, der mit Spielwitz und Phantasie das Geistesleben beflügelte, bevor der Ernst des Lebens ihn einholte. Der Biograph Zimmermann schreibt sachlich-wissenschaftlich, aber allgemeinverständlich, bietet ungemein viel Information auf 400 dicht bedruckten Seiten, dazu eine sehr umfangreiche Bibliographie, leider keinen tabellarischen Überblick über die Lebensstationen, was bei bei einem umtriebigen Zeitgenossen wie Friedrich Schlegel hilfreich gewesen wäre.