Die hilfreichsten Kundenrezensionen
|
|
21 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Vorbildliche Darstellung von Leben, Werk und Zeit Schillers, 21. Juni 2008
Er war Mediziner, Schriftsteller, Dramatiker, Philosoph, Journalist und Historiker. Spätestens der "Wallenstein" machte ihn zum deutschen Shakespeare, in Sachen literarischer Qualität kann seiner monumentalen Abhandlung über den 30-jährigen Krieg bis heute kein weiteres Geschichtswerk das Wasser reichen und seine Philosophie prägt bis heute elementar das Verständnis von Kunst. Kurz gesagt: Friedrich Schiller (1759-1805) ist die wichtigste Person der gesamten deutschen Literaturgeschichte (Goethe wird, so meine ich, insgesamt überschätzt), an ihm führt kein Weg vorbei.
Obwohl man den Markt, was Schiller-Biografien angeht, als gesättigt bezeichnen mag, hat sich Rüdiger Safranski Schiller vorgenommen und ein Buch geschrieben, das für jeden Schiller-Interessierten Pflicht sein sollte. Safranski beschränkt sich nicht darauf, dem Leser eine bloße Biografie im Sinne einer Abfolge von Ereignissen aus dem Leben des sympathischen, in seinem letzten Lebensjahrzehnt gesundheitlich schwer gezeichneten, 1,90 m großen Schwaben zu präsentieren (eine ausführliche Zeittafel sorgt für die notwendige Übersicht), sondern sehr wichtig ist ihm die Darstellung der Zeit, in der Schiller lebte sowie die Analyse der damals die Diskussion bestimmenden philosophischen Gedanken (z. B. Empirismus, Sensualismus, Materialismus) und ihre Bedeutung für Schillers Werke. Dazu gehört ferner die Beschreibung des literarischen Umfelds, nicht zuletzt seine Freundschaft zu Goethe. Ebenso sind die Erklärungen von Schillers Werken tiefgründig, ohne sich jedoch in Details zu verzetteln, immer sind sie in den biographischen Kontext eingebettet, auch ihre Rezeption wird ausführlich dargelegt. Sehr gut ist, dass neben dem obligatorischen Personenregister auch ein Werkregister im Anhang zu finden ist, welches einen schnell auf die richtigen Seiten verweist, sodass man Safranskis Buch auch nutzen kann, wenn man nur einmal schnell zu einem bestimmten Werk etwas nachlesen möchte, wie das nun z. B. mit der schönen Seele in "Maria Stuart" oder dem Republikanismus des Marquis Posa im "Don Karlos" war. Wie in allen seinen Sachbüchern überzeugen auch in diesem Safranskis leicht nachvollziehbare Erklärungen selbst von schwierigen Zusammenhängen, wie beispielweise der Schillerschen Ästhetik im Bezug zu Kant.
Beendet man die Lektüre (geht schneller als man zunächst denken mag, ich las mich unheimlich schnell fest), verbleibt beim Leser eine tiefe Bewunderung für die Person Schiller und die Ermutigung, sein Leben im Lichte seiner Philosophie zu leben, welche es unwahrscheinlich bereichert. Schillers Werke sind nämlich keineswegs von vorgestern, sondern sie haben nach wie vor eine hohe Aktualität und jeder, der sich in irgendeiner Form künstlerisch betätigt, sollte seine Kunstphilosophie kennen. Nicht umsonst heißt es in Schillers letztem vollendeten Werk, dem szenischen Gedicht "Die Huldigung der Künste": "Mich hält kein Band, mich fesselt keine Schranke, / Frei schwing ich mich durch alle Räume fort, / Mein unermeßlich Reich ist der Gedanke, / Und mein geflügelt Werkzeug ist das Wort", vor allem aber "der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt" (Über die ästhetische Erziehung des Menschen).
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich?
|
|
|
|
|
|
16 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Schillernd, 3. Januar 2009
Rüdiger Safranski bewegt sich seit geraumer Zeit im Metier der Schrifsteller- und Philosophen-Biographie. Safranskis Geschick sowohl wissenschaftlich fundiert als auch lesbar zu schreiben, macht die Lektüre seiner Bücher zum Genuss. Die Biographie "Schiller oder die Erfindung des Deutschen Idealismus" gehört mit Sicherheit zu dem besten, was man einführend zum Leben Schillers lesen kann. Freilich ist sie nicht so umfangreich und wissenschaftlich wie Peter-André Alts zweibändige Biographie; sie ist aber dafür kurzweilig und lässt sich auch für einen interessierten Laien leicht bewältigen. Sachkundig werden vor allem auch die philosophischen Probleme der Zeit aufbereitet, mit denen Schiller sich in seinen Stücken und in seinem philosophischen Werk herumschlug. Bei der Lektüre dieser Biographie ging es mir wie oft zuvor mit Schiller. Das Pathos und der unerbittliche Moralismus sind auf den ersten Anblick befremdend, die Beschäftigung mit dem Menschen in seiner Zeit allerdings, vor allem die Gewalt, mit der Schiller sich dieses Werk abringt, sind bei näherer Betrachtung faszinierend und führen wieder zurück zu seinen Texten.
Thomas Reuter
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich?
|
|
|
|
|
|
9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
"Bei einem großen Kopf ist jeder Gegenstand der Größe fähig" (272)., 11. August 2008
Und in der Tat kann man nicht umhin, Schillers im Alter von 29 Jahren getroffene Selbsteinschätzung voll und ganz zuzustimmen. Seine Dramen gehören zu den großen Werken in der deutschen Literaturgeschichte: "Die Räuber", "Fiesko", "Don Karlos", "Wallenstein", "Wilhelm Tell", "Maria Stuart"; in all seinen Stücken schuf Schiller Charaktere, die in den unterschiedlichsten Situaionen vor der Frage standen: Bin ich frei?, und wenn ja: Wie mache ich von meiner Freiheit gebrauch? Schillers radikale Einschätzung die Frage nach der menschlichen Freiheit betreffend veranlasst Safranski dazu, den Schriftsteller aus dem Württembergischen den "Sartre des späten 18. Jahrhunderts" (12) zu nennen.
Rüdiger Safranskis Darstellung "Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus" ist mehr als nur ein Buch über Leben und Werk Freidrich Schillers (1759-1805). Safranski gelingt es, die Person Friedrich Schiller und mit ihm den Zeitgeist am Ende des 18. Jahrhunderts zu rekonstruieren und darauf aufbauend nachzuzeichnen, wie die Person Schiller als Kind seiner Zeit seine Werke geschaffen hat. Sehr gut lässt sich dies an Safranskis Besprechung von Schillers erstem Drama "Die Räuber" nachvollziehen. Die brüderlichen Antipoden Karl Moor und Franz Moor repräsentieren zwei Extreme: "[D]e[n] entfesselten Idealismus des einen, de[n] hemmungslosen Materialismus des anderen" (109). Beide machen brutalsmöglichen Gebrauch von ihrer Freiheit im Sinne Sartres. Auch finden sich Schillers anatomische Erfahrungen, die er im Laufe seines nicht zu Ende geführten Medizinstudiums gesammelt hat, im Stück wieder, so, wenn der diabolische Franz über die Rolle des Menschen im Universum sinniert: "[D]er Mensch entsteht aus Morast, und watet eine Weile im Morast, und macht Morast, und gärt wieder zusammen im Morast, bis er zuletzt an den Schuhsohlen seines Urenkels unflätig anklebt" (110). "Die Räuber" wurden 1782, sieben Jahre vor Ausbruch der Französischen Revolution, in Mannheim uraufgeführt und sorgten für tumultartige Szenen im Theatersaal. Da forderten Charaktere unverhohlen die Republik und pochten auf ihre Freiheit im Angesicht von fürstlicher Bevormundung und begehen im Namen dieser Freiheit die ungeheuerlichsten Verbrechen. "Die Räuber", ein Produkt seiner Zeit und nur aus dieser heraus verständlich.
Safranskis Besprechungen der Dramen Schillers, die er im Rahmen des damaligen kulturellen und gesamtgesellschaftlichen Diskurses analysiert, gehören zu den Höhepunkten des Buches. Des Weiteren geht Safranski eingehend auf Schillers Erfolge als Historiker ein, die heute weitesgehend vernachlässigt werden. "Der Abfall der Niederlande" und "Die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges" waren epochemachende historische Werke und gaben Schiller den geschichtlichen Hinergrund, auf dem er einige seiner besten Stücke, vor allem den "Wallenstein", kreierte. Eingehend gewürdigt wird natürlich auch Schillers Beziehung zu Goethe, eine sich gegenseitig befruchtende Verbindung, die in der deutschen Kulturgeschichte wohl einmalig ist.
Fazit: Exzellent geschriebene und inhaltlich unheimlich dichte Darstellung eines Zeitabschnitts. Safranski beweist, dass er nicht nur in der Philosophie (er verfasste hervorragende Biografien über Schopenhauer und Die wilden Jahre der Philosophie, Ein Meister aus Deutschland: Heidegger und seine Zeit und Nietzsche: Biographie seines Denkens), sondern auch in der deutschen Literaturgeschichte bestens bewandert ist, was er auch in der 2007 erschienenen Darstellung Romantik. Eine deutsche Affäre wieder unter Beweis gestellt hat.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich?
|
|
|
|
|
|
Die neuesten Kundenrezensionen
|