Ich habe mir das schmale Büchlein zur Auffrischung meiner Nietzsche-Erfahrungen gekauft, die Jahre zurückliegen. Meine Begeisterung für Nietzsche war mit dem Älterwerden sehr zurückgegangen. Doch ich wurde neugierig, weil Nietzsche in letzter Zeit für viele zum Kronzeugen ihrer jeweiligen Weltanschauung geworden ist. In der Regel wird er dabei einseitig wenn nicht sogar verfälschend rezipiert.
Und so bin ich mit Interesse ins Buch eingestiegen und war am Ende schlicht zufrieden. Das ist wirklich ein gut strukturiertes, lesbar geschriebenes und die Dinge prägnant auf den Punkt bringendes Kompendium. Eine gewisse Begeisterung für Nietzsche ist zwischen den Zeilen stets zu spüren. Auch das tut dem Buch gut.
Es beginnt schon stark mit der Einführung, die eine wirkliche Einführung ist, indem sie einen prägnanten Gesamtüberblick leistet, der hilft, Nietzsches Werk und die Themen des Buchs einzuordnen.
Darauf bauen die thematischen Einzelkapitel auf, die immer dasselbe Schema haben: kurze Zusammenfassung, ausführliche Erläuterung mit Bezug zur Wirkungsgeschichte und Bedeutung am Ende. Hier freute es mich, dass Nietzsche wirklich umfassend zur Sprache kommt und nicht auf Einzelaspekte verkürzt wird. Etwa dass seine Wissenschaftskritik nicht minder nachgezeichnet wird wie seine Religionskritik oder dass die schmerzhafte Seite der Gott-ist-tot-Philosophie betont wird, die heute oft leichtfertig zur Seite gewischt wird.
Die Abfolge der zehn Kapitel ist logisch und sinnvoll. Es wird ein Bogen gespannt beginnend bei der Kunst als Leben und dem Leben als Kunst, ohne das Nietzsche nicht verstanden werden kann, über die Fragen von Kritik, Anthropologie, Wissenschaft, Religion, Nihilismus bis zum Übermenschen und der politischen Ethik des Individuums.
Ich finde wenig zu beanstanden, das allermeiste wird plausibel im Gespräch mit den Quellen und der nachfolgenden Literatur entwickelt, zuverlässig und gewissenhaft. Sehr gut ist übrigens auch die kurze Literaturangabe am Ende jeden Kapitels für die Vertiefung.
Eine kleine Einschränkung: Die Liebe des Autors zu Nietzsche führt doch manchmal zur zwar klugen aber doch verzwungenen Apologie für uns Heutige, etwa wenn sein für mich doch eklatant elitäres Bewusstsein mühsam verteidigt und relativiert wird. Oder seine Auffassung vom starken, ja totalitären Staat oder vom Krieg.
Hier würde ich Nietzsche gern Nietzsche sein lassen und sagen, dass wir heute anderer Meinung sein müssen. In der Frauenfrage geht der Autor ja so vor. Nein, Nietzsche darf auch einen Schatten haben, den Thomas Mann m.E. nicht zu Unrecht gesehen hat.
Dies wäre alles an sich nicht schlimm, darüber lässt sich diskutieren. Mir ist aber unwohl, wenn der große Philosoph an einigen Stellen zur Rechtfertigung der Spaßgesellschaft banalisiert wird. Ich denke, das wird Nietzsche nicht gerecht.
Das Buch schließt mit einer anschaulichen Kurzbiographie, mit hilfreichen 38 Lehrsätzen über Nietzsches Philosophie und einem nützlichen Personenregister.
Das kleine Buch hat mir also bei der Auffrischung von Nietzsches Gedankenwelt sehr gute Dienste erwiesen und viele Anregungen geliefert. Zwar bin ich kein begeisterter Nietzschianer geworden, sehe aber neu und mit Respekt die exzellente Leistung dieses Denkers, der mitunter fast prophetisch war.
P.S. fürs Lektorat: wiederfahren statt widerfahren (S. 95) sollte nicht passieren.