Dieses (Austellungs-)Buch, das auf den ersten Blick aussieht wie ein lockeres, anspruchsloses Sammelsurium aus Bildern und Texten zu Nietzsche und seiner Zeit, lässt einen schon nach den ersten Leseproben nicht mehr los. Selten hat mich eine Lektüre derart gefesselt wie diese menschliche Dokument aus Tagebuchnotizen, Briefen, persönlichen Erinnerungen von Freunden und Zeitgenossen, Rezensionen, Zeugnissen usw. Mehr und mehr ergibt sich wie ein Puzzle das Bild eines außergewöhnlichen Menschen, den man aus verschiedenen Blickwinkeln - als Sohn, Bruder, Student, Freund, Professor, Wissenschaftler, Philosoph, Zurückgewiesener, schließlich kranker Mensch kennen lernt. Wie ein Detektiv sucht man zum Beispiel nach den ersten Indizien der radikalen Wandlung Nietzsches vom gläubigen Christen (der sich zu Weihnachten das Buch der Psalmen wünscht und fromme Gedichte schreibt) zum Atheisten. Eine scheinbar beiläufig (in Brief oder Tagebuch erwähnte) Verstimmung mit der Mutter (Pastorenwitwe), die er bei einem Besuch (als Student) zu Ostern durch seine Weigerung brüskiert, am Abendmahl teilzunehmen, ist dann ein solcher Baustein, aus dem sich allmählich der uns bekannte "Antichrist" entwickelt. Ein wirklich sehr reiches, authentisches, zutiefst menschliches und anrührendes Buch.