"Im Namen Hölderlins!", mit diesem Bekenntnis beginnt und endet die ebenso leidenschaftliche wie intelligente, von Pierre Bertaux verfasste Biografie Hölderlins. Bertaux klopft jedes historische Dokument ab, mit geradezu kriminalistischer Akribie. So geht er etwa einem Waiblinger nicht auf den Leim, dem ersten "Biografen" Hölderlins. Wilhelm Waiblinger, der Hölderlin mehrmals in Tübingen heimsucht, ihn auch zu Spaziergängen und in ein von ihm gemietetes Gartenhaus einlädt - freilich nicht ohne eigennützige Hintergedanken. Waiblinger will einen Roman über einen wahnsinnigen Künstler schreiben, Hölderlin soll ihm hierfür als Vorlage dienen. Das Vorgehen und die Schilderungen Waiblingers von Hölderlins vermeintlichem geistigen Zustand haben freilich etwas von einem "Bild"-Reporter. Waiblinger behauptet zum Beispiel, Hölderlin habe keinen Gedanken mehr entwickeln können. Dies wird von Bertaux auf eindrucksvolle Weise widerlegt. Hölderlin war mitnichten ein Umnachteter! Wie, so frage ich, wären Gedichte wie "Wenn aus der Ferne ..." und "Das fröhliche Leben" sonst möglich? Beide sind so genannte Turmgedichte oder späteste Gedichte, die während Hölderlins zweiter Lebenshälfte (1806-1843) - der "umnachteten" - entstanden. "Umnachtet" ist hierbei ein von diversen Biografen und Germanistik-Professoren gebrauchtes Synonym für "schwachsinnig", "geisteskrank".
Der Großteil der anderen überlieferten Turmgedichte (50) sind Improvisationen nach dem Baukastenprinzip, die meist von den Jahreszeiten handeln, Reimpaare wie Himmel/Gewimmel und meiste/Geiste haben - schnell hingeworfene Verse, mit denen Hölderlin ihm mehr oder minder lästige Besucher abspeiste, die ihn als Kuriosität zu besichtigen kamen.
Höchst aufschlussreich sind auch die Gründe, die Bertaux für jene Reaktion Hölderlins nennt, die - nach Meinung anderer Biografen und Experten - angeblich den ersten Ausbruch seiner "Krankheit" markieren würde, nämlich als er 1802 von Bordeaux (und Frankfurt und Stuttgart) zurückkehrt und Mutter und Schwester aus dem Haus jagt. Nach Hölderlins Grenzübertritt Straßbourg/Kehl vergehen ein paar Wochen bis er in Nürtingen bei der Mutter eintrifft. Mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit war Hölderlin während dieser Zeit in Frankfurt, um seine große Liebe, Susette Gontard, seine Diotima, noch einmal zu sehen. Ob er zu der Todkranken vorgelassen wurde, kann weder belegt noch ausgeschlossen werden.
Sein Reisekoffer aber, der auch die Briefe Susettes, in einem verschlossenen Behälter, enthielt, war bereits vor seiner Ankunft in Nürtingen mit der Post eingetroffen. Die Mutter brach den Behälter auf, las die Briefe und machte Hölderlin gewiss die bittersten Vorwürfe, weil er ein Verhältnis mit einer Verheirateten gehabt habe. Dies alles vorausgesetzt, verwundert es freilich nicht, dass Hölderlin, zumal Choleriker, ausrastete.
Pierre Bertaux schreibt, dass Hölderlin vor allem infolge der Traumata während des zweiten Homburger Aufenthalts (1804-1806), der monatelang drohenden Verhaftung und lebenslangen Einkerkerung auf dem Hohenasperg (wie Jahrzehnte zuvor der Schriftsteller Schubart), sowie seines gewaltsamen Abtransports nach Tübingen und den Misshandlungen während der 231-tägigen Zwangsbehandlung im Krankenhaus, der von Autenrieth geleiteten Klapse - dass Hölderlin danach ein zum psychischen Krüppel Geschlagener war. Einer, der sich in sich zurückzog, mit der Außenwelt nicht mehr oder kaum noch kommunizierte. Keinesfalls aber war Hölderlin ein Umnachteter, Schwachsinniger!
Die stringenten und scharfsinnigen Argumentationen Bertauxs sind eine spannende und sprachlich angenehme Lektüre - und eine Genugtuung.