... Friedrich des Großen ist derzeit immer noch die von Johannes Kunisch bereits 2004 in erster Auflage vorgelegte "Friedrich der Große. Der König und seine Zeit."
Kunisch gelingt es mit seiner thematisch gegliederten, dennoch am zeitlichen Ablauf stark orientierten Biographie, ein umfassendes Lebensbild des wohl bekanntesten und zugleich auch umstrittensten Preußenkönigs zu zeichnen.
Die knapp einhundertfünfzig Seiten des ersten Kapitels sind der für Friedrich sehr prägenden Zeit als Kronprinz gewidmet und darüber hinaus wird in einem kurzen Exkurs über Land und Leute die wirtschaftlich-soziale Situation Brandenburgs-Preußens eingehend dargestellt.
Der für Friedrich so beeinflussende Vater-Sohn Konflikt wird in aller Ausführlichkeit geschildert, der Fluchtversuch des Kronprinzen allerdings eher als Kräftemessen zwischen Vater und Sohn interpretiert, denn als feste Absicht des Kronprinzen das Land endgültig zu verlassen. Dazu waren die Vorbereitungen denn auch zu dilettantisch. Kunisch zieht Erkenntnisse der Psychoanalyse heran, um die Wirkung dieses Konfliktes auf die Charakterbildung Friedrichs zu erklären und weißt auch darauf hin, dass der Konflikt mit dem Vater in späteren Phasen seines Lebens von Friedrich wieder durchlebt wurde, gerade in der Zeit als dieser während des Siebenjährigen Krieges nach schweren Niederlagen am Abgrund stand. Insofern hat der Autor mit seiner umfangreichen Darstellung der so bedeutsamen Jugendzeit des Königs dieser das notwendige Gewicht innerhalb seiner Biographie eingeräumt.
Das zweite und etwa nur halb so lange Kapitel ist den ersten Jahren des jungen Königs gewidmet und der Autor geht nicht nur intensiv auf die militärischen Auseinandersetzungen ein, sondern zeigt auch den Zwiespalt zwischen den schriftlichen Äußerungen im Antimarchiavell und dem dann tatsächlich praktizierten Raubkrieg gegen Österreich, um die reiche Provinz Schlesien in die Hand zu bekommen. Intensiv geht Kunisch auch auf das Problem der Thronfolge Friedrichs ein. Dieser war sich schon früh bewusst, keine eigenen Nachkommen zu haben und akzeptierte daher seinen jüngeren Bruder August Wilhelm und nach dessen Tod dessen Sohn Friedrich Wilhelm als Thronfolger, obwohl er letzterem die Herrschaft nicht wirklich zutraute. Friedrich II. verzichtete bewusst darauf, die geltenden Gesetze zu brechen und einen anderen als Thronfolger zu bestimmen. Kunisch wiederlegt auch die häufig vertretene These vom homosexuellen Friedrich dem Großen und schildert plausibel dessen Gründe für die Kinderlosigkeit.
Kapitel III ist auf fünfzig Seiten den Friedensjahren und Friedrichs umfangreicher Tätigkeit als Bauherr, in der Reformierung des eigenen Landes gewidmet und geht darüber hinaus auf die Vertrauten des König ein, von denen Kunisch die sehr aufschlussreichen Tagebücher des Vorlesers Catt intensiv ausgewertet und für sein Werk herangezogen hat.
Das folgende Kapitel widmet sich auf etwa einhundert Seiten dem Siebenjährigen Krieg. Der Autor geht dabei intensiv auf die Vorgeschichte und den Verlauf des Krieges mit der Darstellung von einzelnen und bedeutenden Schlachten ein, deren Verlauf anhand von Karten veranschaulicht wird und widmet sich sehr ausführlich der psychologischen Lage Friedrichs. Das häufig erwähnte "Mirakel des Hauses Brandenburg" sah Friedrich selbst darin, dass nach der für ihn verlorenen Schlacht von Kunersdorf 1759 die Österreicher und Russen ihren Erfolg nicht ausnutzten und nachsetzten. Häufig ist in der Literatur fälschlicherweise zu lesen, der Tod der Zarin Elisabeth sei damit gemeint.
Kapitel V und VI sind den Jahren nach dem Siebenjährigen Krieg gewidmet. Auf etwa 80 Seiten schildert Kunisch die intensive Aufbauarbeit des Preußenkönigs, der von den Verheerungen seines Landes sichtlich geschockt war, aber auch die zunehmende Entfremdung von der Welt, den Wandel zum Alten Fritz, der trotz seiner Intelligenz, Belesenheit und Freundlichkeit im Umgang an seiner Tafel gleichzeitig seine Umgebung mit menschenverachtendem Spott schockieren konnte. Friedrichs Rolle in der polnischen Teilung wird kritisch hinterfragt und sein aus machtpolitischen Erwägungen Eingreifen im Bayrischen Erbfolgekrieg. Das Reichsrecht diente hier doch eher als Vorwand den österreichischen Zugewinn zu verhindern, denn ein Verfechter des Reichsrechts war Friedrich bis dato nicht.
Insgesamt gesehen ist diese Biographie umfassend, informativ, gut zu lesen und stellt derzeit immer noch den aktuellen Forschungsstand zum Thema Friedrich der Große dar. Sie übertrifft andere große Biographien wie die von Theodor Schieder deutlich, ist allerdings auch zwanzig Jahre danach erschienen. Für Fans Friedrich des Großen ist dieses Buch ein Muss, jeder andere geschichtlich interessierte Leser wird dieses Buch mit erheblichem Gewinn lesen.