Tristram Hunts "Friedrich Engels: Der Mann, der den Marxismus erfand" ist in erster Linie eine großartig zu lesende Biographie. Hunts Schreibstil ist flüssig, sein erzählerischer Stil spannend. Ihm gelingt es problemlos Engels als eine eigenständige und facettenreiche Persönlichkeit darzustellen. Lob und Kritik sowohl an Engels' Charakter als auch an seiner Philosophie und Politik kommen dabei nicht zu kurz. Hunt ist ein meinungsstarker Autor, der zu klaren Bewertungen kommt.
Engels wird als ein Mensch voller Widersprüche dargestellt: wohlhabender Industrieller und Bourgeois und zugleich Revolutionär und Vorkämpfer für das Proletariat, im Dauerkonflikt mit seiner Familie und gleichzeitig in ihrem Unternehmen tätig und besorgt um Mutter und Schwester, eine starke Persönlichkeit und freiwillige Unterordnung unter Karl Marx. Auch fehlen nicht die Hinweise auf viele seiner Vorurteile, die aber nicht verhinderten, dass er in entscheidenden Situationen stets ein Feind von Kolonialismus und Unterstützer von Befreiungsbewegungen war.
Insgesamt wird Engels aber als sympathischer Lebemann dargestellt, was insbesondere durch die Kontrastierung zur Persönlichkeit von Marx entsteht. Engels war heiter, lebensfroh, freigiebig und voller Energie. Sonst hätte er die anstrengende Zusammenarbeit mit Marx wohl auch nicht ein halbes Leben durchgehalten. Hunt kommt so unterm Strich zu einem eher positiven Bild von Friedrich Engels.
Hervorzuheben ist allerdings wie der Autor es versteht das Leben und die Entwicklung seiner Figur mit den historischen, philosophischen, politischen und sozialen Entwicklungen seiner Zeit zu verknüpfen. So entsteht mosaikartig ein Gesamtbild des 19. Jahrhunderts. Der Leser wird eingeführt in hegelianische Philosophie, sozialistische Theorie, politische Ereignisgeschichte und die sozialen Konflikte der Industrialisierung. Friedrich Engels' Leben steht hier nicht nur für sich, sondern für eine ganze Zeit und eine der prägendsten Interpretationen dieser Zeit: dem Marxismus.
Vor diesem Hintergrund geht es Hunt auch besonders darum den wissenschaftlichen Anteil an der Entstehung des Marxismus herauszuarbeiten, welche Erkenntnisse, Ideen und Fakten er zu den gemeinsam verfassten Schriften beigetragen hat und mit welchen Kommentaren er die Popularisierung des Marxismus und damit das Bild dieser Weltanschauung in der breiten Öffentlichkeit geprägt hat.
Kritisch zu sehen ist an dieser Biographie allenfalls Hunts Hang zur lapidaren Erklärung. Ein Beispiel: In einer wenig produktiven Phase von Marx und Engels in den 1870er Jahren erklärt er ohne weitere Begründung, die Marx bewusst gewesene schwindende Überzeugungskraft des Kapitals zu einer Ursache ihrer kurzzeitigen Demoralisierung. Wie er auf diesen Gedanken kommt ist nicht nachvollziehbar, sodass der Leser hier nur Hunts antimarxistischen Standpunkt, den er an der ein oder anderen Stelle durchblicken lässt, als Grund dieser These vermuten kann.
Insgesamt aber hat Hunt eine fundierte und großartig zu lesende Biographie vorgelegt und damit auch eine Lücke in der Marx-Engels-Forschung erst einmal geschlossen. Auch wenn Engels nur die zweite Violine war, ohne ihn hätte es den Marxismus in dieser Form nicht gegeben und die Geschichte wäre anders verlaufen. Die Lektüre ist allen Interessierten sehr zu empfehlen!