Rund 10 Jahre hat StudioCanal gebraucht, um eine Blu-ray von einem der schönsten und bedeutendsten Filme auf den Markt zu bekommen. Wenn man noch weiß, dass "Frida" auch in Sachen Technik zu den Vorreitern gehörte - der Film wurde nämlich über ein sogenanntes "Digital Intermediate" postproduziert, hört das Verständnis völlig auf: Alles, was man zur Herstellung der Blu-ray machen musste, war eine Digitalkopie. Doch bevor man beginnt, sich im Nachhinein nochmal zu ärgern, lieber zum Film:
Frida, dritte von vier Töchtern, litt von ihrer Geburt (1907) an unter einem Spaltwirbel. Sie erkrankte als 6-jährige an Kinderlähmung und musste sich in der Folge lebenslang mit einem dünnen und schwachen rechten Bein plagen. Mit 19 Jahren wurde sie bei einem Busunfall dermaßen schwer verletzt, dass sie mit ihrem ganzen Leib in einem Gipskorsett liegen musste. Dabei bohrte sich eine Geländer-Eisenstange von hinten durch den Körper, perforierte Magen und Uterus und trat im Schambereich wieder aus. Sie brach sich einen Wirbel, das Schlüsselbein, einige Rippen, das Becken, erlitt 11 Frakturen im rechten Bein, einen zerschmetterten und abgebogenen rechten Fuß und eine versetzte Schulter. Infolge dieser schweren Verletzungen wurde sie im Lauf ihres Lebens 35-mal operiert. Drei Schwangerschaften mussten abgebrochen werden.
Aber diese Frau verfügte über eine unglaubliche Vitalität, Liebe zum Leben und den Menschen und einen schier unfassbaren Willen. Obwohl sie ihr ganzes Leben lang von Rückfällen und extremen Schmerzanfällen geplagt wurde, obwohl sie sich oft monatelang in Krankenhäusern aufhalten musste, führte sie ein dermaßen frohes, erfülltes und reiches Leben, in welchem sie so viel bewegte, dass sie zur Legende, zur Ikone ihrer Zeit wurde.
Nur als Biografie, nur hart an den Aufzeichnungen der Frida Kahlo selbst und ihrer Zeitzeugen, konnte ein so unglaubliches Leben glaubhaft in einem zweistündigen Film skizziert werden - wie die Regisseurin Julie Taymor ausführte: Man hätte leicht 4 Stunden mit dem vorhandenen Material gestalten können. So entstand zwangsläufig ein Film, der vieles nur anreißt - aber auch eine nachzufühlende Wiedergabe der großen Liebe zwischen Frida und dem berühmten mexikanischen Muralisten Diego Riviera. Dabei ist es dem Team gelungen, in einer wirklich wunderschönen Art Szenenwechsel aus den Bildern der Künstlerin heraus zum Leben zu erwecken.
WER HIER NOCH NICHT MIT DER HANDLUNG KONFRONTIERT WERDEN MÖCHTE, SOLLTE BITTE DIE FOLGENDEN FÜNF ABSÄTZE ÜBERSPRINGEN.
Zwei attraktive Menschen, die nicht lange überlegen, wenn ein potentieller Partner reizt, führen alles andere als eine geruhsame Ehe. Dazu kamen die vielen äußeren Einflüsse - beide waren politisch aktiv, reisten viel, bauten, schrieben, machten Musik und tanzten, vor allem aber widmeten sie sich der Kunst. Ihre Beziehung entstand unter dem großen Versprechen Diegos, nicht treu, aber bis zum Ende aller Tage "loyal" zu sein.
Während eines alles andere als harmonischen US-Aufenthalts, der in einem Eklat mit Rockefeller - Diego hatte einen Lenin in sein Wandgemälde gemalt - und mit einem Abort Fridas gipfelte, verlangt Frida von Diego die Heimreise. Diego gibt unwillig nach; aber wieder zuhause bestraft er Frida, indem er ihre Schwester Christina schwängert. Frida erwischt die beiden auf dem Boden des Ateliers. Man mag "loyal" interpretieren wie man will, aber das war "jenseits der Linie". Frida verlässt Diego.
In der Phase der Trennung nehmen die Beiden Trotzki und seine Gefolgschaft bei sich auf. Frida hat eine Affäre mit Trotzki. Der zieht aus, kurz darauf wird er zum Ziel eines Attentats. Sofort fällt zeitweise der Verdacht auf Diego. Frida kommt in Haft, um sie zu zwingen, Diegos Aufenthaltsort mitzuteilen. Doch Diego erreicht, dass sie freigelassen wird. Frida faulen die Zehen weg, der Fuß muss abgenommen werden. Diego bittet sie, ihn wieder zu heiraten.
Ihre Gesundheit verschlechtert sich weiter. Sie muss furchteinflößende Stützvorrichtungen und Korsetts verwenden, nimmt hochdosiert Morphium, ein Bein muss amputiert werden.
Schließlich stirbt sie, nachdem sie sich im Bett zu ihrer ersten eigenen Ausstellung in Mexiko hatte tragen lassen.
ENDE DER INHALTSANGABE
Offenbar harmonierte die Hauptdarstellerin und Produzentin (Salma Hayek, 36), die ja die treibende Initiatorin des Projekts war, hervorragend mit der Regisseurin (Julie Taymor, 50) - nicht nur hinsichtlich der Rolle, sondern auch in der Gesamtauslegung. Aber auch zwischen Frida und Diego Rivera (Alfred Molina, 49) stimmte ganz offensichtlich die Chemie.
Es ist der Produktion und insbesondere der Regisseurin Julie Taymor gelungen, wirklich große Talente zu vereinen, die wie geschaffen für ihre Rollen sind und in der genialen Mischung von Emotionalität, Einfühlungsvermögen und Intelligenz, über welche Frau Taymor verfügt, vorzüglich geführt werden.
Aber dieser Film bietet noch so viel mehr als die ergreifende Lebens- und Liebesgeschichte von Frida und Diego.
Da wäre zunächst die Kunst. In Form von Bildern, die zum Leben erwachen, sehen wir die Zusammenhänge zwischen den Werken und dem, was die Künstler beschäftigt - im Falle Fridas leider oft: quält. Fridas Malerei dürfte manchem an die Nieren gehen; aber welche Qualen musste sie erleiden, welche seelischen Schmerzen! Über ihre Kunst lässt sie den Betrachter mitleiden. Mitleid, das, wenn man es nicht verweigert, auch den Schlüssel zum Verständnis ihrer Gemälde bietet. Diegos berühmte Wandgemälde sind vermutlich massenverträglicher.
Wie schon erwähnt, ist in "Frida" die Kunst in ganz besonderer Weise in den Film integriert - oder der Film in die Kunst. Die Wechsel zwischen Stillstand und Bewegung, zwischen flachem Bild und Dreidimensionalität faszininieren.
Da wäre Mexiko. Die Menschen, die Städte, die Häuser, die Farben, das Leben. Eine Umgebung, die im Mexico City der 20er-Jahre noch so viel menschlicher und schöner war als heute in einer der schmutzigsten Metropolen der Welt - wobei natürlich schon wegen des Lichts nicht mehr in der Hauptstadt, sondern in einer gut erhaltenen Provinzstadt gedreht wurde. Die Eindrücke der Unesco-Denkmäler von Teotihuacan, Xochimilco und von Pueblas historischem Zentrum. Aber auch die Emotionalität, Warmherzigkeit und Lebensfreude der Menschen.
Da wäre die Musik. Die einfühlsamen Kompositionen Elliot Goldenthals, die historische Lieder harmonisch ergänzen, leidenschaftlich vorgetragen vor allem von Lila Downs und der betagten Chavela Vargas, die noch selbst mit Frida Kahlo befreundet gewesen war. Besonders ans Herz geht das Lied "La Bruja", von Salma Hayek selbst eindringlich interpretiert. Fast das gesamte Team wurde übrigens in Mexiko rekrutiert, die Auswirkung auf die Authentizität des Films ist grandios.
Natürlich die berühmte Architektur der Häuser Diegos und Fridas, vor allem aber der wunderschönen und weltbekannten "Casa Azul", dem Geburtshaus der Frida Kahlo und Wohnort des geliebten Vaters, dessen Atrium-Garten sozusagen den Rahmen für die Filmerzählung bietet.
Die als animierte Collagen gestalteten "Ausflüge" in die USA und nach Paris ersetzten nicht zuletzt wegen der Kosten - die unter 12 Millionen US-Dollar blieben! - das Drehen vor Ort, geben dem Film aber eine weitere künstlerische Perspektive und damit eine charakteristische Einzigartigkeit.
Besonderen Wert legte Frau Taymor auf das Licht. Immer wieder wird Farbe gezielt eingesetzt, mal als natürliches Licht im farbenfrohen Mexiko, mal als Gestaltung, mal in der digitalen Nachbearbeitung.
Im Original wie auf der Blu-ray läuft "Frida" 123 Minuten, auf der Blu-ray wurde allerdings das Original-Format von 1,85:1 auf 1,78 zu eins verändert. Da der Original-Film "spherical" aufgenommen worden war, fällt das Ergebnis im Rahmen der Möglichkeiten des damaligen Film-Materials optimal aus - bei den digital aufgenommenen Einstellungen liegen die Begrenzungen bei den damals verfügbaren Targets. Das war halt schon noch Pionierzeit, aber Julie Taymor und Sama Hayek können nicht hoch genug gepriesen werden, dass Sie auch in technischer Hinsicht getan haben, was möglich war.
Eingeschränkt wird die Qualität außer durch das Rohmaterial allerdings auch durch die seinerzeit verfügbare Software, denn auf der einen Seite hatte man einfach noch nicht die heutigen Werkzeuge, auf der anderen Seite wurde an Frida, wie man an den Kommentaren Julie Taymors entnehmen kann, schon heftiger von Bildmanipulationstechniken Gebrauch gemacht als dies bei 08/15-Produktionen üblich ist.
Nicht alles, was nicht 100%-ig perfekt aussieht, ist also StudioCanal anzulasten. Viel mehr als eine Kopie vom Digital Intermediate und einen Karton haben die schließlich nicht herstellen müssen. Somit ist auch das, was herausragend ausfiel, einzig und alleine dem Originalfilm zu danken. Wie blu-ray.com schreibt: "Klarheit und Schärfe sind oft atemberaubend", "der Film gibt die lebendige Farbpalette von Kahlo's Kunst wieder" und in der Summe "sicher eines der bestaussehenden der neueren Produkte von Lionsgate-Miramax, das Filmfans voll zufriedenstellen sollte". Aber auch der Ton ist als herausragend zu beurteilen.
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