Auf einer Feier der Kreisau-Initiative zum neunzigsten Geburtstag von Freya von Moltke war auch die Historikerin und Publizistin Frauke Geyken. Und die Begegnung mit der weißhaarigen und noch immer vitalen Frau veranlasst die Historikerin Jahre später, die Weltbürgerin Freya von Moltke um die Zustimmung und Unterstützung für eine Biographie zu bitten. Die schriftliche Absage mit den Worten "Erst wenn ich tot bin, wird sich zeigen, ob es wünschenswert ist, sich noch mit meinem Leben zu beschäftigen" konnte Frauke Geyken nicht von ihrer Idee abbringen. Im Februar 2010 war schließlich ein Treffen in Montreal vereinbar. Doch wenige Wochen zuvor starb Freya von Moltke im Alter von 99 Jahren. Ihr Sohn bestätigte den Termin trotzdem und unterstützte die Autorin bei ihren Recherchen. Und da sie bei Helmut Caspar und Keri von Moltke auch ungehindert in Freyas Archiv arbeiten durfte sowie Zugang zu anderen Quellen erhielt, finden sich in diesem Buch auch sehr viele Abbildungen.
Interesse wecke das Buch bei mir, weil mich die Lebensläufe starker Persönlichkeiten interessieren. Und "stark" ist kein Synonym für "prominent". Was gibt Menschen die Kraft, Widerstand zu leisten? Welche Geschichte und Vorbilder haben sie geprägt? Warum lassen Menschen ihren Worten Taten folgen und was hindert andere daran? Ist vom Widerstand im dritten Reich die Rede, machen es sich viele zu einfach, wenn sie mit Konjunktiven um sich werfen, als würde allein ihre Formulierung schon etwas bewirken. Dem eigenen Chef nicht widersprechen, aber das Maul aufreißen, wenn andere in Todesgefahr das Schweigen vorziehen.
Freya von Moltke hat einen Lebenslauf, der mich faszinierte und immer wieder zum Denken anregte. So lesen wir zum Beispiel, dass sie keine Ziele hatte, was heutzutage schon beinahe als Verbrechen gilt. Entgegen der gängigen Lehre der Motivationstrainer glaubte sie auch nicht an 7-Schritte-Programme oder die Planbarkeit des Lebens. Vielmehr vertraute sie auf das, was sie beobachten konnte und was ihr ihre innere Stimme sagte.
Aufgebaut ist diese lesenswerte Biographie in neun Kapitel, die Freya von Moltkes Lebensstationen weitgehend chronologisch wiedergeben. "Eleganz und verfeinerte Lebensgewohnheiten" erzählt die Geschichte von Freyas glücklicher Kindheit und gibt einen Überblick über die verwandtschaftlichen Beziehungen. In "Eine große Liebe - erster Teil" wird die Bedeutung der "Schwarzwald-Schule" klar, die für damalige Verhältnisse überraschend fortschrittlich war. Und im gleichen Kapitel kommt auch Helmuth James von Moltke zu seinem ersten Auftritt. Schön übrigens, dass die Autorin erwähnt, dass die Schweiz damals das erste Land Europas war, in dem auch Frauen studieren durften. Denn normalerweise hört man nur, dass wir die letzten waren, die das Frauenstimmrecht einführten.
Nach "Eine große Liebe - zweiter Teil", in dem die Hochzeit, das Landleben in Kreisau und eine Reise nach Südafrika beschrieben werden, rücken die Jahre 1935-1944 als Gutsherrin und die ersten Aktionen des Widerstands ins Zentrum. Ein Verdienst der Autorin und dieser Biographie ist es, die Rollen der Frauen im Widerstand näher zu beleuchten und zu würdigen. Die Jahre in Südafrika, also der Zeitraum von 1945 bis 1956 beschreibt Frauke Geyken im sechsten Kapitel. Und wie schwierig, zäh und oft verlogen die Aufarbeitung des Nationalsozialismus war, lesen wir im Kapitel "In Adenauers Deutschland", das ich für einen der wichtigsten Teile dieser Biographie halte. Warum Freya von Moltke nach Amerika auswanderte und wie sie dort zur engagierten Bürgerin wurde, steht im zweitletzten Kapitel. Der Schluss gehört dann dem Abschied vom alten Kreisau und den Anfängen der Stiftung Kreisau.
Mein Fazit: Was in meiner knappen Inhaltsangabe vielleicht ungewollt trocken klingt, entpuppt sich bei der persönlichen Lektüre als spannende Berichterstattung über das Leben einer starken, in keine Klischees passenden Frau. Obwohl das Thema Widerstand natürlich die ihm zustehende Bedeutung bekommt, gibt die Lebensgeschichte von Freya von Moltke auch Antworten auf ganz alltägliche Fragen, die sich Leser stellen. Im umfangreichen Anhang finden wir Zeittafel, Stammtafeln, Anmerkungen, Quellen, Literaturangaben und ein Personenregister.