Die Künstlerin Angelica Garnett blickt auf ein langes, interessantes Leben zurück. Inzwischen 93 Jahre alt, schrieb sie bereits in den frühen Neunziger Jahren mit "Freundliche Täuschungen" ihre Kindheits- und Jugenderinnerungen nieder. Lange bevor der Begriff der "Familienaufstellung" in aller Munde war, versucht sie mit dieser Autobiographie so etwas wie einen Befreiungsschlag.
Denn trotz der flirrenden, künstlerisch-reichen und ausgesprochen unkonventionellen Atmosphäre ihres Elternhauses Charleston, das den ländlichen Mittelpunkt des Bloomsbury-Kreises bildete, ist ihre eigene Wahrnehmung an die Kindheit und Jugend nicht ungetrübt.
Bewusst wurden Angelica Garnett, der Tochter von Vanessa Bell (Schwester von Virginia Woolf) und Duncan Grant, die langen Schatten der Vergangenheit, als ihre Mutter im Sterben lag und Angelica Garnett sich kaum in der Lage sah, einen versöhnlichen Abschluss zu finden. Zu tief war die Verunsicherung, die das große Geheimnis um ihren Vater auslöste.
Vanessa Bell mietete 1916 das Landhaus in den Sussex Downs und zog dort mit ihren Söhnen Julian und Quentin und ihrem Liebhaber Duncan Grant ein. Ihr Ehemann Clive Bell lebte ebenfalls über längere Zeiträume in dem weitläufigen Haus. Angelica wurde in Charleston geboren. Sie war - trotz der bereits beendeten Liebesbeziehung zu Duncan Grant - ein absolutes Wunschkind, wuchs aber in dem Glauben auf, das Clive Bell ihr Vater sei.
Duncan Grant war zudem mit David Garnett, dem späteren Ehemann Angelicas liiert.
Die komplexen Beziehungen aller Bewohner Charlestons waren einerseits ein festes, unzerstörbares Band. Aber es liegt bei solch unkonventionellen Lebensentwürfen wohl in der Natur der Sache, dass es immer wieder zu Konflikten und Verunsicherungen kam.
Dennoch war Charleston so etwas wie eine Trutzburg. Denn dort verwirklichten Vanessa und Duncan gemeinsam mit ihren Dauergästen ihren Lebenstraum. Das Haus war nicht nur äußerlich eine Absage an den herrschenden Zeitgeist. In einem lebenslangen Entwicklungsprozess gestalteten sie mit Farbe, viel Fantasie und Fingerspitzengefühl eine ganz eigene Atmosphäre. Kein Bücherbrett und kein Türblatt, das nicht bemalt wurde.
Ein offener und kreativer Hort, in dem diskutiert, gemalt, geschrieben, gegärtnert, gekocht und geliebt wurde.
Bis heute teilt sich diese Atmosphäre dem Besucher mit, doch dort zu leben und als Kind einen Platz zu finden, muss - wie den Erinnerungen Angelica Garnetts zu entnehmen ist - etwas ungleich Schwereres gewesen sein.
Zu leuchtend waren die Vorbilder, die Angelica immer wieder das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit gaben. Zu groß der Verrat, den das Verschweigen des "wahren" Vaters auslöste, der sich tief in Angelicas Seele gebrannt hat. Zu stark Vanessa Bells künstlerische Ambitionen, so dass für Angelicas Bedürfnisse zu wenig Zeit und Interesse blieb. Und nicht zuletzt zu groß die für Angelica spürbare Enttäuschung ihrer geliebten Tante Virginia Woolf, die in Angelica zu wenig intellektuellen Widerhall fand.
Und doch bleibt Angelica zugewandt, versöhnlich und letztlich auch dankbar für die vielen einmaligen Prägungen, die sie in Charleston und seinen Bewohnern fand.
So bleibt "Freundliche Täuschungen" eines jener Erinnerungsbücher, die nicht nur statisch über Vergangenes berichten, sondern zugleich eine Entwicklung und eine Emanzipation schildern.
Der legendäre, intellektuelle Bloomsbury-Zirkel wird nicht entzaubert, sondern bekommt in den Erinnerungen ein menschliches Antlitz.
Ich habe dieses Buch mit großer Freude gelesen. Es ist mir in "Charleston" empfohlen worden, dessen Besichtigung ich jedem, der sich für Virginia Woolf, Bloomsbury oder auch für Design interessiert, wärmstens ans Herz legen möchte. Die Dame, die mich auf das Buch aufmerksam machte, bezeichnete es als "Abrechnung". Dem kann ich nicht zustimmen. Ich würde es eher als "Befreiung" bezeichnen, mit bewusstem und auch zurecht stolzem Blick auf die eigenen Wurzeln.