Als ich die CD das erste Mal gehört hatte (komischerweise lange nachdem ich die Klassiker der sechziger/siebziger und die meisten der achtziger-Jahre-Platten kannte), war ich äußert verwirrt: Aus welcher Phase seines Schaffens stammt das denn? Alles klingt irgendwie so altmodisch. Ein Abschnitt aus dem wunderbaren "Sommer" scheint wie eine Überschrift über dem ganzen Werk zu stehen: "Ich hör' das Akkordeon und sehe sie im Reigen sich wiegen, die Röcke, die fliegen, zum Klang einer altmodischen Melodie".
Tatsächlich klingt Mey hier irgendwie altmodisch, also im positiven Sinne, z.B. nach 50er Jahre Blues auf dem "Müllmänner-Blues", nach Barock in "Sommer" nach frühem Popp-Jazz auf "Lass es heute noch nicht geschehen". Wie man schon lesen kann eine musikalisch unwahrscheinlich abwechlungsreiche Platte, dadurch aber auch irgendwie verwirrend und nicht leicht zugänglich. Ich habe anfangs damit gefremdelt, inzwischen aber liebe ich sie. Befremdlich ist sie aber immer noch, weil sie einen durch Musik und Texte irgendwie in einem vergangene, imaginäre, phantastische Welt hinüberzuziehen scheint. Anziehend, wunderbar, aber irgendwie doch fremd. Wie eine Alice, die ins Wunderland geht oder das Durchschreiten der Pforte nach Narnia.
Die Texte sind sehr emotional mit dem absoluten Höhepunkt "Lass es heute noch nicht geschehen". Für mich eines der persönlichsten Lieder von Mey. Er offenbart hier seine tiefsten Menschen-Ängste wie sonst nur 9 Jahre später in "Allein" auf der "Farben"-CD. Sehr mutig, sehr ergreifend und ich kann das Lied auch beim Hunderstenmal nicht ohne Gänsehaut hören.
Im ganzen nichts für den Mey-Einsteiger, aber ein absoluter Leckerbissen für Fans oder Liebhaber altmodischer Liedkunst.