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Freund Hein. Eine Lebensgeschichte.
 
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Freund Hein. Eine Lebensgeschichte. [Taschenbuch]

Emil Strauss
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Produktinformation

  • Taschenbuch: 240 Seiten
  • Verlag: Reclam, Philipp, jun. GmbH, Verlag (1995)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3150093678
  • ISBN-13: 978-3150093672
  • Größe und/oder Gewicht: 15 x 9,6 x 1,2 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 335.557 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Von M. Thomas TOP 1000 REZENSENT
Format:Taschenbuch
Emil Strauss, der Sohn eines Pforzheimer Schmuckwarenfabrikanten, ist heute nur noch einer kleinen Lesergemeinde ein Begriff. Um so erstaunlicher, dass ihn Marcel Reich-Ranicki in seine Sammlung ,Bibliothek des 20. Jahrhunderts' aufgenommen hat, mangelt es doch nicht an großen Namen der deutschsprachigen Literatur in der genannten Epoche. Aber der gewissenhafte und kraftvolle Verwalter der deutschen Sprache, wie ihn Hermann Hesse charakterisiert, ein "Kind des Volkes" und "unbestechlicher, sich selbst treuer Charakter", wie ihn Hans Bender beschreibt, ist trotz seines "badisch temperierten" Stils alles andere als ein Heimatdichter und sein Roman ,Freund Hein' kann sich mit der zeitgenössischen Literatur um die Wende zum 20. Jahrhundert messen.

Nur wenige Monate nach Emil Strauss veröffentlichte Heinrich Mann seine Schuldrama ,Professor Unrat'. Ein Vergleich der beiden Romane lohnt. In beiden Werken steht das Erziehungssystem der Wilhelminischen Zeit auf dem Prüfstand. Beide Autoren kritisieren das autoritäre, auf Macht- und Erfolgstreben ausgelegte gesellschaftliche Ideal. In beiden Werken hat die Pflichterfüllung Vorrang vor der Selbstverwirklichung. Beide Romane enden in einer Tragödie. In Emil Strauss Werk entzieht sich der Schüler durch den Freitod dem Schulterror; im Werk von Heinrich Mann wird die gesamte Bürgerschaft in den Abgrund gerissen.

Trotz der zahlreichen Parallelen weisen beide Bücher auch Unterschiede auf. Heinrich Mann blickt aus der Sicht der Lehrkraft, des Schultyrannen auf die Gesellschaft. Der in seiner Ehre verletzte und verspottete Lehrer rächt sich an seinen Schülern und an der ganzen Stadt. Die Hauptperson in Emil Straussens Buch ist Heiner Lindner, ein feinfühliger, sensibler Charakter mit der Neigung und der "althergeerbten Familienbegabung", dem Talent zur Musik (die Parallele zu Hanno Buddenbrook ist offensichtlich). Leider fehlt dem lernwilligen und leidensfähigen Schüler das Verständnis für Mathematik und Geometrie.

Doch die Eleven im Roman von Emil Strauss werden nicht sadistisch gepeinigt. Zwar sind die Lehrer streng und verfolgen das Ziel, ihr "Jahrespensum bis zum letzten Tupfen in die Köpfe" der Schüler zu bringen und "wer nicht gut mitkam, dem warf er (der Lehrer) feindselige Blicke und höhnisch verwundende Bemerkungen zu, die durch eine gelegentlich zur Schau getragene Lammsgeduld in der verletzenden Wirkung nur noch überboten wurden."

Aber Emil Strauss kennt auch mitfühlende, Teilnahme und Freundlichkeit zeigende Erzieher. Als Heiner das Klassenziel nicht erreicht, tröstet ihn der Ordinarius: "Nehmen Sie es sich nicht zu sehr zu Herzen! ... Ich hätte Sie gerne versetzt, habe auch in der Konferenz sehr dafür gesprochen; aber der Herr Kollege meinte, Ihre mathematischen Leistungen erlaubten es durchaus nicht."

Als im Nachbarhaus neue Bewohner einziehen, lernt Heiner Helene kennen. Sie, ein freches, "unartiges Bündel" und "wüstes Ding", das zu Wutausbrüchen neigt, bildet einen Gegenpol zu dem stillen, nachdenklichen Jungen. Beide freunden sich schnell an. Aus der Freundschaft wird Zuneigung, die auch durch den Wegzug der Freundin nicht erlischt. Helene reift zu einer jungen Dame, einem "Gesellschaftsdämchen", einer "Modepuppe", wie Heiner sie tituliert, heran. Ihr Lebenshunger stößt den scheuen Jüngling ab und auch die zarten Bande der sich anbahnenden Liebe können die Distanz zwischen beiden nicht überbrücken.

Immer öfter flüchtet der schwermütige und niedergeschlagene Junge in die Welt der "düsteren oder gar grausamen" Erzählungen Raabes, in die Einsamkeit der Natur und in die Welt der Musik. Als die Schulleistungen nicht besser werden und das Klassenziel erneut in weite Ferne rückt, untersagt der Vater das Musizieren an Schultagen. Heiners Flehen: "Ohne Musik kann ich nicht sein", nützt nichts. "Da haben wir's! dachte der Vater; genau wie seinerzeit bei mir! Und war von der Zweckmäßigkeit seines Verlangens nun erst recht überzeugt. Er bedachte nicht, dass sein Musizieren Passion gewesen war, als Passion hatte ausarten und wuchern können und auch wieder als Passion sich hatte abtun lassen; dass hier dagegen die Musik der eigentliche Lebenstrieb war und überdies ein schöpferischer Trieb ...".

Noch einmal stellt Emil Strauss dem Hilfesuchenden einen Freund zur Seite. Karl Notwang, ein selbstbewusster, schlagfertiger, belesener aber auch störrischer Jüngling, der vom Gymnasium verwiesen, an Heiners Schule seinen Frieden sucht. Auch Karl bildet einen Gegenpol zu Heiner, aber beide verbindet die Liebe zur Kunst: hier die Musik, da die Literatur. Karl liest Hölderlin, was ihn aber nicht davon abhält, nach Darwins Prinzip des Überlebenskampfes zu handeln: "Er (der Lehrer) war auch einmal Schüler und muss wissen, mit wem er es zu tun hat, und muss die Leistungen immer multiplizieren mit dem Wesen des betreffenden Schülers oder dadurch dividieren, je nachdem! Tut er das nicht, dann ist er ein Dummkopf, ein Schädling, und muss auf jede Weise unschädlich gemacht werden! Unschädlich aber machst du ihn am besten, indem du ihn so dumm nimmst, wie er ist". Doch Heiner ist weder Rebell noch Intrigant, er akzeptiert die Spielregeln: "Ein Lehrer kann nur nach den Leistungen gehen und muss Ernst und Ehrlichkeit voraussetzten ... die Leute, so borniert einzelne sein mögen, tun ihre Pflicht, so gut sie halt können; so ganz rosig wird sie ihnen auch nicht immer sein. Und dadurch, dass ich überhaupt am Gymnasium bin, hab ich mich ihren Ansprüchen und ihrem Urteil unterworfen."

Vom Vater beargwöhnt, von den Lehrern verkannt, von den Mitschülern bemitleidet flüchtet der falsch Verstandene, ja Unverstandene ein letztes Mal in den Wald. Doch sein Lebenswille zu schwach und die Natur kann ihm keine Kraft mehr spenden; Dunkelheit umfängt ihn. Der "ungebärdige Kampf dieser seltsamen Wesen, der toten Nacht das Leben abzuringen, war von der toten Nacht verschlungen, die Sterne zitterten am Himmel, als wollten sie fallen, die blassen Lichter am Grund glommen leblos weiter, die Schatten der Bäume standen in unheimlicher Starrheit."

Blättern wir noch einmal zurück und lesen die einleitenden Worte Hölderlins:

"Denn selbstvergessen, allzubereit, den Wunsch
der Götter zu erfüllen, ergreift zu gern,
was sterblich ist und einmal offenen
Auges auf eigenem Pfade wandelt,
ins all zurück die kürzeste Bahn."
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