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Hans-Martin Lohmanns Freud-Monographie
Am 28. April 1885 schreibt der knapp dreissigjährige Sigmund Freud an seine Verlobte Martha Bernays: «Ich habe alle meine Aufzeichnungen seit vierzehn Jahren und Briefe, wissenschaftliche Exzerpte und Manuskripte meiner Arbeit vernichtet. (. . .) Die Biographen (. . .) sollen sich plagen, wir wollen's ihnen nicht zu leicht machen. Jeder soll mit seinen Ansichten über die Entwicklung des Helden recht behalten, ich freue mich schon, wie die sich irren werden.» Freud schreibt das zu einem Zeitpunkt, wo er sich zwar noch mit dem Plan einer Universitätskarriere trägt, aber gerade mit seinen Arbeiten über die Wirkungen des Kokains eine empfindliche Abfuhr erlitten hat. Bis zur Geburt der Psychoanalyse in den «Studien über Hysterie» und dem Jahrhundertbuch der «Traumdeutung» ist es noch ein weiter Weg. Nur allzu oft wird vergessen, dass der Begründer der Psychoanalyse zwei Leben hatte: ein erstes mit entschieden naturwissenschaftlich-empirischen Aspirationen, das fast die ganze zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts umfasst, und das bekannte Leben seit 1900, das Leben eines geistigen Revolutionärs, der mit seiner Psychologie des Unbewussten das 20. Jahrhundert beeinflusst hat wie wenige neben ihm.
Die Glossierung der künftigen «Biographen» mit ihren «Ansichten über die Entwicklung des Helden» ist bei dem Dreissigjährigen also eher selbstironisch zu verstehen. Freilich nicht nur. Das «Eroberergefühl, jene Zuversicht des Erfolges, welche nicht selten wirklich den Erfolg nach sich zieht», das Freud den unbestrittenen Lieblingen der Mütter zuschreibt, wurde bei ihm auch nicht durch zeitweilige Misserfolge irritiert. Und die Deutungswut mancher Biographen hat er durchaus zutreffend vorweggenommen. Alle sollen recht behalten. Nur er, der «Held», weiss es besser.
In der Tat ist Freud oft genug das Objekt biographischer Spekulationen geworden, deren Methode und Ergebnis sich der von ihm begründeten Psychologie zu verdanken glauben: Die Psychoanalyse des Psychoanalytikers ist zu naheliegend, als dass man dieser Versuchung nicht erliegen sollte. Es spricht vorab für die ebenso knappe wie konzentrierte Monographie von Hans-Martin Lohmann, dass sie weitgehend Deutungsaskese übt. Und es ist bei aller Bewunderung des Biographen auch kein Werk der Heldenverehrung entstanden. Insgesamt wird die Aufgabe, ein unerhört fruchtbares, wenn auch äusserlich eher ereignisarmes Forscherleben auf dem engen Raum von 160 Seiten zu komprimieren, bemerkenswert gut gelöst. Natürlich bleibt man, wie Lohmann honorigerweise nie verleugnet, weiterhin auf das Riesenwerk von Peter Gay, auf die Biographie von Ronald W. Clark, Kurt Robert Eisslers biographische Skizzen und das dreibändige Heldenepos von Ernest Jones verwiesen. Aber Lohmann wird dem Anspruch gerecht, dem er sich mit einem der Lieblingsworte Freuds stellt: einen biographischen «Abriss» als «Abriss» der Psychoanalyse zu bieten. Wo der Raum des Haupttextes nicht ausreicht, hilft er sich mit der beigefügten Chronik, auch hier auf den Spuren Freuds, dessen «Kürzeste Chronik» des letzten Lebensjahrzehnts den Konzentrationsmassstab gesetzt hat.
Besondere Bedeutung gewinnt die Monographie Lohmanns dadurch, dass sie die Rekonstruktion von Freuds wissenschaftsbiographischem Werdegang mit der gegenwärtig wieder verstärkt debattierten Frage verbindet, ob die Psychoanalyse primär ärztliche Therapie seelischer Krankheiten oder eine «Normalwissenschaft» des unbewusst-bewussten «normalen» Seelenlebens sei. Lohmann betont mit Nachdruck, dass der Forscher Freud, der «Arzt, der keiner sein wollte», mit den wissenschaftlichen Aspirationen seiner Anfänge nie gebrochen hat und die Psychoanalyse als Wissenschaft ihren Anwendungen auf medizinischem und nichtmedizinischem Terrain allemal vorgeordnet hat.
Mit dem Freud-Forscher Michael Schröter hält Lohmann es sozusagen für eine Art Geburtsfehler, einen wissenssoziologischen «Konstruktionsfehler» der Psychoanalyse, dass infolge ihrer Verbannung aus der Universität und ihres fast ausschliesslich ärztlichen Asyls der wissenschaftliche, zumal der kulturwissenschaftliche Anspruch zugunsten des therapeutischen zurückgedrängt wurde. Die Diskriminierung der sogenannten «Laienanalyse», die Medizinalisierung des Lehrbetriebs und auch wohl seine Ökonomisierung, überhaupt die ganze «klinische» Institutionalisierung und Hierarchisierung der Psychoanalyse ist die Folge gewesen. Dagegen ist diese Monographie spürbar und mit bedenkenswerten Gründen angeschrieben. Recht verstanden, ist dieser «Abriss» ein biographisch fundiertes Manifest.
Ludger Lütkehaus -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Im letzten Drittel des Buches werden die paradoxen Verwicklungen, in denen sich Freud verstrickt hat (z.B. die Verbindung zur Philosophie Friedrich Nietzsches), erläutert und kritisch die nach ihm weitergeführte Psychoanalyse überblickt.
Was mir eindeutig gefehlt hat, und darum hat es auch nicht für fünf Sterne gereicht, sind nähere und detailliertere Angaben zu bestimmten Punkten im Leben Sigmund Freuds: So vermisse ich zum Beispiel eine genaue Analyse des Bruchs mit Carl Gustav Jung...
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