Diese Biographie hebt sich dadurch wohltuend von anderen ab, indem sie sich nicht an ihrem Objekt chronologisch von A bis Z abarbeitet.
Stattdessen findet der geneigte Leser ein Werk vor, daß sich abschnittsweise, beinahe essayistisch seinem Thema widmet. Manch einem Leser mag diese Art der Lektüre schwerfallen, da er nicht an der Hand genommen wird, um in strenger zeitlicher Reihenfolge an den einzelnen Lebensstationen vorbeigeführt zu werden.
Das mag zunächst unordentlich erscheinen, erweist sich aber letztlich als wesentlich eleganter, da hierdurch die Verknüpfungen der einzelnen Themenschwerpunkte miteinander wesentlich deutlicher werden.
Und eben diese Herangehensweise beweist die Übersicht und den gekonnten Umgang Peter Gays mit dem vielen von ihm angehäuften Wissen.
Gays Darstellung des Entstehens und der Entwicklung der Psychoanalyse ist nicht nur hinreichend sondern tiefgründig und dem Thema angemessen. Keine andere Freudbiographie - absehen von Ernest Jones dreibändigem Werk - oder Freudeinführung ist profunder. Als Beispiel sei hier nur die Darstellung der Themen Narzißmus und Metapsychologie genannt.
Manche Kritik, daß Gays Darstellung der Kontakte Freuds zu anderen Persönlichkeiten sowie der Schilderung seiner Lebensumstände zu langatmig, detailverliebt und sich in Nebensächlichkeiten ergehend sei, vermag nicht zu überzeugen. Sie ist auch schon in dem Moment in sich unschlüssig, wenn beanstandet wird, das der und jenes ja nur als Randnotiz abgehandelt werde. Stattdessen kommt auch hier Gays sichere Stoffbeherrschung zum Tragen, wenn er sich mit der gleichen Gründlichkeit und Eleganz diesen Themen widmet. Das einzige, in dem sich Gay nun wirklich nicht ergeht, sind Spekulationen auf der Grundlage unzureichend gesicherter Erkenntnisse.
Und wem 850 Seiten nun zuviel sind? Freuds Leben war ein langes und man kann sein Werk nicht, wie sonst gerne behauptet wird, losgelöst von seinen Lebensumständen sehen. Um mit einem seiner engsten Vertauten zu sprechen: "Der Wunsch des Sohnes nach der Kastration des Vaters (...) als Reaktion auf die erfahrene Erniedrigung führte zum Konstruieren einer Theorie, in der der Vater den Sohn kastriert."