"Mirror Image" war das erste Buch, das ich von Sandra Brown gelesen hatte. Es war packend geschrieben und ich fieberte wie blöd mit den Protagonisten mit. Natürlich erhoffte ich mir denselben Effekt auch von "French Silk" und aufgrund der guten Kritiken bestellte ich mir das Buch umgehend als Urlaubslektüre.
Ich weiß nicht, ob es an der Tatsache liegt, dass man im Urlaub mehr Zeit hat, über solche für ein Buch nicht ganz unbedeutenden Dinge wie glaubhafte Charaktere und Spannungsbogen nachzudenken. Mir drängt sich jedoch der Verdacht auf, dass dieses Buch einfach nicht so gut ist wie besagtes "Mirror Image" und das liegt meiner Meinung nach vor allem an den Charakteren.
Claire wird als eine Person beschrieben, die ihre Gefühle aufgrund ihrer schweren Vergangenheit nicht preisgibt und sich Autoritäten wie Cassidy nicht öffnet. Leider bleibt ihre Gefühlswelt auch dem Leser bis zum Ende verschlossen. Man wartet die ganze Zeit vergebens darauf, zu lesen, was sie wirklich denkt. Diesen Luxus kann sich Autorin Sandra Brown jedoch nicht leisten, da Claires Gedanken eine Schlüsselrolle in der Identifizierung des Mörders spielen. Dort liegt meiner Meinung nach auch das Hauptproblem des Buches. Die Figuren wirken eindimensional, da man sich nicht in ihre Gedankenwelt einfühlen kann. Claire hat keinen Humor, keinen Charme, stattdessen lügt sie Cassidy an und wird aggressiv, wenn er hinter ihre Lügen kommt, was sie meiner Meinung nach zu einer unsympathischen Figur macht.
Cassidy ist natürlich ein gut aussehender Typ mit einem düsteren einschneidendem Erlebnis in seiner Vergangenheit, wegen dem er heute noch Schuldgefühle hegt und schließlich Ermittler geworden ist. Er raucht, ist unrasiert, dreist, greift auch mal zu Schimpfwörtern und kann jede haben, die er will. Im Bett ist er übrigens fantastisch. Dieser geballten Männlichkeit ist Claire natürlich vom ersten Moment an erlegen (nein, Korrektur: Sie liebt ihn sogar vom ersten Moment an! Ohne Scherz). In Wirklichkeit ist er meiner Meinung nach nur ein absoluter Pain in the Ass.
Die Liebesbeziehung zwischen den beiden wirkt in jeder Hinsicht aufgesetzt. Sie dürfen sich nicht lieben, ist er doch schließlich Ermittler und sie die Hauptverdächtige, aber natürlich kann man sich gegen Gefühle nicht wehren. Es kommt, wie es kommen muss: Eine tragische Liebesbeziehung entsteht! Wer hätte das gedacht? ;)
Auch die Entwicklung der Kriminalgeschichte ist eher unbefriedigend. Cassidy tappt die meiste Zeit im Dunkeln und der Leser bekommt das Gefühl, dass er mit Kanonen auf Spatzen schießt und seine Ermittlungen eher dem Zufall überlässt. Die meiste Zeit des Buches gibt es einfach keine glaubhafte heiße Spur; da der Leser natürlich mit Claire sympathisiert, kann er sich nicht vorstellen, dass sie den Mord wirklich begangen hat.
Die Lösung wäre vielleicht gewesen, hauptsächlich oder ausschließlich aus der Sicht Cassidys zu schreiben. Da er keine Geheimnisse hat, die unbedingt verborgen bleiben müssen, hätte die Autorin durch seine Gedankengänge nichts verraten und Claire noch mehr mystifizieren können. Die Kriminalgeschichte ist vom Stoff her nicht uninteressant, hätte aber noch viel mehr hergeben können.
Gegen Ende kommt noch die ein oder andere spannende Entwicklung auf, aber bis dahin ist der Spannungsbogen mehrfach tausend Tode gestorben. Was mir trotz allem gefallen hat sind der gute Schreibstil und die ein oder andere interessante Nebenfigur, wie zum Beispiel Claires Freundin Yasmine und der Nachtportier Andre.
Alles in allem ein passables Buch. Wenn man nicht mit zu hohen Erwartungen an die Story herangeht, sollte man auch nicht enttäuscht werden. Oder man liest einfach stattdessen "Mirror Image".
;)